Kulturpessimisten mögen das als Verrat am christlichen Erbe ansehen, als Zeichen des Verfalls und der moralischen Indifferenz. Man kann es aber auch als schlüssige Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart empfinden. Als den Versuch, das Erstarrte der Tradition zu überwinden. Weber sagt, man müsse das Alte immer gegen das Licht halten, um zu sehen, ob es noch lebt. In Blankenburg bedankten sich nach der Zeremonie viele Gäste bei ihm, dies sei die stimmigste Trauung gewesen, die sie je erlebt hätten.

Imke Klie aus Hamburg ist radikaler als Jost Weber. Bei den Taufen und Trauungen, die sie gestaltet, kommt sie fast ganz ohne religiöse Versatzstücke aus. Angefangen hat sie vor acht Jahren als eine der ersten Zeremonienmeisterinnen in Hamburg, jetzt ist sie 35 und sieht immer noch viel zu jung aus für dieses Amt. Oder besser: dieses Geschäft. Sie hat Kulturwissenschaften studiert und brachte die Idee zu ihrem Beruf aus England mit. Dort heißen ihre Kollegen celebrants, doch Brimborium gibt es bei Imke Klies Veranstaltungen kaum. Dafür eine akribisch vorbereitete Rede, die geschlagene 30 Minuten dauert, länger als die meisten Predigten in der Kirche. Für ein aufwandsabhängiges Honorar von 500 bis 1.500 Euro hat Imke Klie zuvor die persönliche Geschichte der Brautleute erforscht. In bis zu achtstündigen Gesprächen mit dem Paar hat sie nach dessen Hoffnungen gefragt, in Telefonaten mit Freunden und Verwandten der Brautleute ihr Wissen um diese ganz spezielle Liebe ergänzt.

Sie sieht es als ihre Aufgabe an, den Menschen nicht als autoritäre Priesterin zu begegnen, sondern als Partnerin. Mit ihnen gemeinsam gestaltet sie eine höchst persönliche Feier, die wirkt, als würde die freie Rednerin ihre Kunden länger kennen als früher der Pfarrer seine Gemeindemitglieder. In ihrer Traurede kommt die Ehe als etwas Schicksalhaftes daher, wie in einem Hollywood-Film. Die Begegnung des Paares läuft auf einen Heilsplan hinaus: Ich musste dem anderen begegnen, um der zu werden, der ich bin.

Imke Klie zelebriert nach Eheversprechen und Kuss gern ein Ritual der Verbundenheit des Paares mit der Festgemeinde. Zum Beispiel: Jeder Gast verknüpft ein blaues Seidenbändchen mit dem seines Sitznachbarn, bis zwei lange Bänder entstehen, an denen die Ringe des Brautpaares aufgefädelt und zu den Eheleuten geschoben werden.

Früher genügte es, während des Rituals eine Form zu wahren. Man musste nichts wählen, nichts entscheiden, nichts rechtfertigen. Heute möchte man sich durch das Ritual selber verstehen und sich zugleich den anderen präsentieren. Dazu muss man seine Entscheidung für Ehe oder Taufe überdenken und begründen. Imke Klie erklärt ihre Methode so: "Ich glaube, dass man durch das Ausdrücken des eigenen Willens eine Kraft entwickeln kann, sein Leben bewusst zu gestalten." Darin liegt dann doch etwas Magisches, Religiöses: Das Wort wirkt, wenn man es ausspricht. Und es liegt auch etwas sehr Aufgeklärtes darin: Der Mensch hat die Freiheit, sein Leben selber zu gestalten.

Warum sehnt sich der freiheitsliebende, der moderne Individualist überhaupt nach Ritualen? Manche Anthropologen sind der Meinung, dass die Rituale Ausdruck eines universellen Bedürfnisses des Menschen nach Selbstüberschreitung sind. Schon die Höhlenmalereien aus der Steinzeit zeugen von der mythischen Kraft der Rituale. Die Massai schicken ihre jungen Männer bis heute auf Löwenjagd, damit sie erwachsen werden. Rituale geben in allen Kulturen und in allen Zeitaltern Halt und setzen Zäsuren im Lebenslauf.

Früher war die Kirche der Ort, an den man an jedem Wendepunkt des Lebens zurückkehrte. Oft hatte man ein Leben lang denselben Ankerplatz, und aus der Kirche, in der man getauft worden war, wurde man später im Sarg herausgetragen. Das ist heute, in der mobilen, urbanen Gesellschaft, selbst für viele Gläubige vorbei, aber die Grundidee ist geblieben: Rituale strukturieren das Leben, und ihr Zweck ist noch immer derselbe wie vor Tausenden von Jahren. Der Einzelne versichert sich seines Platzes in der Gemeinschaft. Bloß sucht man sich heute zu jedem Ritual den passenden Zeremonienmeister – und der begleitet den Kunden nicht durchs Leben, sondern nur durch ein Fest.

Wenn Katharina Linhart in Wien die Namensgebung eines Kindes zelebriert, räuchert sie erst einmal die Taufgäste, um sie zu reinigen. Sie lässt Erde über die Füße des Säuglings rieseln, besprengt ihn mit magischem Wasser, streift ihn mit einer Gebetsfeder ab. In einer poesievollen Festrede bestimmt sie die persönlichen Runen und die Krafttiere des Kindes. Um das Besondere des Rituals zu unterstreichen, trägt sie ein üppiges exotisches Gewand, aber die passenden Wünsche klingen vertraut: Es gibt die Rune der Leidenschaft, die des Innehaltens, die des Selbstbewusstseins ...

Die Schamanin Katharina Linhart bedient im katholischen Österreich eine Klientel, die der Kirche überdrüssig ist, aber auf Magie nicht verzichten möchte. Viele ihrer Kunden empfinden die christlichen Lehren als dogmatisch und suchen neue Zugänge zum Übersinnlichen. Sie sind in eine Epoche der Religionsfreiheit hineingeboren und mögen den postmodernen Religionsmix, die Melange aus keltischen, indianischen und fernöstlichen Praktiken. Um Katharina Linharts Segensworte zu verstehen, braucht man keine schamanischen Spezialkenntnisse, sie sind universell: "Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen, mögest du den Wind im Rücken haben, möge die Sonne warm dein Gesicht bescheinen und Gott seine schützende Hand über dich halten."

Auf den ersten Blick wirken die neuen Ritualangebote opportunistisch: Bauchläden des Glaubens, aus denen sich jeder raussuchen darf, was ihm gerade gefällt, ohne sich zu einer Glaubensgemeinschaft zu bekennen. Ohne Verantwortung für andere zu übernehmen. Doch die neuen Zeremonienmeister bedienen nicht nur den Individualismus der westlichen Gesellschaften, sondern auch ihr Bedürfnis zu glauben, was ihnen glaubhaft erscheint. "Früher ging es bei den Ritualen nicht so sehr darum, dass man an sie glaubt, sondern dass man teilnimmt", sagt die Züricher Ritualforscherin Dorothea Lüddeckens, "heute ist Glaubwürdigkeit ein hoher Wert, das gehört zum Selbstverständnis des aufgeklärten Individuums: Was wir tun, soll authentisch sein." Im Zentrum des Rituals steht nicht mehr Gott, der auf den Menschen blickt, sondern der Mensch, der nach dem Sinn seines Daseins fragt.

So ist den Kirchen ein starker Konkurrent erwachsen, ausgerechnet auf ihrem einstigen Monopolgebiet. Im weitgehend atheistischen Ostdeutschland gehen sie mittlerweile offensiv damit um. Sie haben sich daran gewöhnt, dass viele Kinder das Weihnachtsfest nicht mehr mit der Geburt Jesu verbinden. Sie müssen zugeben, dass die Jugendweihe nach wie vor populärer ist als Kommunion und Konfirmation zusammen. Deshalb hat der katholische Weihbischof Reinhard Hauke in Erfurt eine Reihe von Ritualen erfunden, mit denen sich der Dom ausdrücklich an Konfessionslose wendet. In der Stadt Meister Eckharts holt er Atheisten in den christlichen Traditionsraum hinein, statt sie den weltlichen Zeremonienmeistern zu überlassen.

"Es soll eine Einladung sein, keine Vorladung", sagt Hauke. Er initiierte ein Weihnachtslob für Kirchenferne und Segnungen zum Valentinstag, weil er dem Kommerz der Blumenläden etwas entgegensetzen wollte: "Das Thema Liebe und der heilige Valentin sind schließlich katholisches Kerngeschäft." Hauke hat dafür gesorgt, dass die baufällige Erfurter Allerheiligenkirche in einen Begräbnisort umgewandelt wurde. Stolz ist er auch auf einen Gottesdienst für Kranke, deren Würde er gegen ein Gesundheitssystem verteidigen will, das den leidenden Menschen zum Kostenfaktor erklärt.