Die Berliner Polizei hatte am vergangenen Wochenende 24 Stunden lang für Werbezwecke in Echtzeit von ihrer Tätigkeit berichtet, von Notrufen und Ermittlungen, von Schlägereien, Diebstählen, überlauten Partys, von alkoholisierten Kindern und verwirrten Rentnern – was die Hauptstadt eben so alles liefert an großen und kleinen Verbrechen an einem sehr heißen Wochenende. Im Sekundentakt liefen in dieser einmaligen Aktion die Tweets ein und wurden von über 20.000 Twitter-Nutzern verfolgt. Man muss ein wenig ausführlicher aus den Kurzmeldungen zitieren, um ihren literarischen Reiz zu ermessen.

Am Freitag wird vermeldet: "Ein Nachbar ist besorgt. Seine Nachbarin – eine ältere Dame – öffnet die Tür seit einiger Zeit nicht." Mehr weiß man nicht, und mehr wird man auf Twitter vom Verbleib der alten Dame nicht erfahren. Kurz darauf ein weiterer, eher dunkler Sachverhalt: "Zwei männliche Personen weigern sich, in #Mariendorf eine Kfz-Werkstatt zu verlassen." In Marzahn wird zur selben Zeit ein offenbar herrenloser, aber "angebundener Hund" registriert. "Jugendliche entwenden einen 30 Meter langen Wasserschlauch und ziehen damit durch #Tegel". Während ein Imbissbesitzer "zwei Gäste in #Weißensee" verprügelt, findet ein Kreuzberger "sein Fahrrad mit einem anderen Schloss angeschlossen wieder", und gleich "zwei Exhibitionisten" werden kurz darauf in "#Schöneberg auf einem Parkplatz" gesichtet.

Am Samstag wird eine "verdächtige Person in einem Auto in #Kreuzberg" entdeckt. Etwas resigniert twittert die Polizei: "Handelt sich nur um einen Schlafenden." Enttäuschend ist für die Ermittler offenbar auch der kurz darauf folgende Notruf: "Ein Mieter wirft aus dem 3. Stock eines Hauses in #Moabit Gegenstände. Als wir ankommen, ist nichts mehr los." Allerdings noch in Schöneberg, wo ein "lauter heftiger Streit unter Prostituierten" tobt. Und auf der Jannowitzbrücke, wo "2–3 Personen ein Handy zu rauben" versuchen. "Das Opfer wirft es aber lieber ins Wasser", was wiederum den Tätern nicht gefällt.

Mit der Zeit wagen sich die twitternden Polizeibeamten bei ihren Meldungen durchaus ins Humoristische vor: "Mit Blaulicht ins Rotlicht: Streitigkeiten über die Bordell-Rechnung in #Charlottenburg." – "War das Obst zu teuer? Ein Marktleiter bittet uns um Hilfe, weil ein Kunde den Markt im #Wedding nicht verlassen will." – "Ein Cent für die Träume. In #Lichterfelde wird ein Mann schlafend neben einem Geldautomaten gefunden." – "Hundesalon #Wedding. Empörung von Frauchen über Frisur ihres Hundes eskalierte zu Beleidig., Körperverletz. und Platzverweis." – "Der Klassiker! In #Spandau biss ein Hund einen Postboten, der jetzt zum Arzt geht. Gute Besserung!" – "Hasen-Tweet: Wir müssen einem Hasen helfen, der auf einer Kreuzung in #Spandau nicht mehr weiterweiß."

In so gut wie jeder Twitter-Meldung der Polizei keimt eine Erzählung. Ist die ältere Dame, die der besorgte Nachbar sturmbeklingelt, in ihrer Wohnung verunglückt, im Bad ausgerutscht, oder hat sie sich auf- und davongemacht, vielleicht nach Südfrankreich zu einer Jugendliebe? Was hat ein Mann aus dem Fenster im 3. Stock geworfen? Bücher? Ein Sofa? Schmuck? Wenn ja, warum? War es ein existenzialistischer Akt, ein Befreiungsversuch von der drückenden Last des Alltags? "In #Mitte", berichtet die Polizei, "erschien ein französischer Tourist betrübt bei der Polizei. Er wurde aus seinem Hotel geworfen und möchte sein Gepäck." Der Kommissar, so stellt man es sich vor, wird nach dem Grund des Rausschmisses fragen und in Erfahrung bringen, dass der französische Tourist, ja was eigentlich: vielleicht die Rechnung nicht bezahlt hat, eine Affäre mit der verheirateten Tochter des Hoteliers begann, aufgrund übler Laune das Mobiliar zertrümmerte? Warum aber wird das Gepäck zurückgehalten? Als Pfand? Aus Rache? Die Kürze der Tweets erzwingt regelrecht das Herbeifantasieren der unheilvollsten Kausalketten, die Lakonie der Mitteilungen regt zum munteren Ausschmücken der Szenerie an. Wie leicht ließe sich allerlei ergänzen zu Mitteilungen wie diesen: "Passanten werden von Teilnehmern einer Hochzeitsfeier in #Neukoelln beschimpft und bedroht." – "Gesucht wird nach Flucht aus Bäckerei in #Friedrichshain ein Graupapagei. Besonderes Merkmal: rotes Schwänzchen." – "In #Wittenau dringen Gerüche und Fliegen aus Wohnung. Mieter wurde schon lange nicht mehr außerhalb dieser gesehen."