Mickrige Zinsen auf dem Bankkonto, Renditeschwund bei der Lebensversicherung – seit die Europäische Zentralbank die Welt mit Geld flutet, ist Sparen eine eher unerfreuliche Angelegenheit. Es ist noch nicht lange her, da brachte der damalige Arbeitsminister Walter Riester den Deutschen bei, dass sie privat vorsorgen müssten, weil die staatliche Rente nicht mehr sicher sei. Nun rechnet sich auch das immer weniger.

Die Rentner in Deutschland werden trotzdem auch in Zukunft nicht hungernd durch verfallende Städte ziehen müssen. Denn noch kein Land der Welt hat sich reich gespart.

Um gleich zu Beginn mit einem verbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Wenn heute weniger Geld ausgegeben wird, dann bedeutet das nicht automatisch, dass der Wohlstand von morgen steigt. Denn wer Geld auf die Seite legt, tut zunächst einmal nicht mehr als das: Er legt Geld auf die Seite. Und egal ob es unter die Matratze gesteckt wird oder auf dem Bankkonto landet: Geld kann man nicht essen. Nicht heute und auch nicht in der Zukunft.

Geld regelt den Zugang zu den Dingen, die der Mensch zum Leben braucht oder zu brauchen glaubt. Es ist nicht selbst produktiv. Insofern kann Sparen im Sinne einer Vorsorge für das Alter nur gelingen, wenn das Ersparte in der realen Wirtschaft eine Veränderung anstößt. Wenn es also investiert wird und dadurch in Zukunft mehr Dinge produziert werden können. Nur so verwandelt sich die Ersparnis von heute in den Reichtum von morgen. Sonst bleibt Geld nichts als bedrucktes Papier.

In der Erregung über die niedrigen Zinsen droht das in Vergessenheit zu geraten. Denn es wird der Eindruck erweckt, der Wohlstand im Alter ließe sich beliebig vermehren, wenn nur die Zinsen schnell wieder angehoben würden. Doch dazu müsste mit dem Geld auch das Angebot an Gütern zunehmen. Und das ist keineswegs selbstverständlich.

Deutlich wird das, wenn das Problem der Minizinsen argumentativ in zwei Unterprobleme zerlegt wird: Woher kommen in Zukunft die Güter? Und: Wer kann über sie verfügen?

Die Rente – erstes Unterproblem – war auch vor Mario Draghis Zinsabenteuern nicht sicher. Weil die Gesellschaft altert, schrumpft die Zahl der Menschen, die Dinge für den täglichen Bedarf herstellen. Wenn das Land seinen Wohlstand erhalten will, muss die Arbeitsbevölkerung entweder länger arbeiten oder produktiver werden. Ideal wäre eine Mischung aus beidem.

Wenn es der Bundesregierung also ernst wäre mit der Gerechtigkeit zwischen den Generationen, dann müsste sie die Republik auf eine längere Lebensarbeitszeit vorbereiten und Zukunftsinvestitionen anstoßen, die die Produktivität in der Wirtschaft erhöhen. Die große Koalition aber tut das Gegenteil: Das Rentenalter sinkt, und es wird zu wenig investiert. Das ist der Kern des deutschen Altersvorsorge-Defizits.

Die niedrigen Zinsen hingegen machen das Land insgesamt nicht unbedingt ärmer. Indem sie die Kredite für Unternehmen verbilligen, können sie dazu beitragen, dass mehr investiert wird. Die Zentralbank muss deshalb das Wohl der Wirtschaft insgesamt im Blick haben und nicht nur das der Sparer. Es gibt kein Grundrecht auf Rendite ohne Risiko.

Der Zinsschwund hat jedoch – das ist das zweite Unterproblem – sehr wohl Einfluss auf die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands. Wer rechtzeitig Aktien oder Immobilien gekauft hat, der hat in den vergangenen Jahren ordentlich Kasse gemacht und kann mit der Debatte über die vermeintliche Enteignung der Sparer wahrscheinlich nur wenig anfangen. Wer sein Geld auf dem Sparbuch geparkt hat, der konnte dagegen nicht einmal die Inflation ausgleichen.