Die Dunkelheit hat sich längst über Dhaka gesenkt, als wir beim Büro der Bangladesh National Party (BNP) vorfahren. Oppositionschefin Khaleda Zia empfängt zum Interview abends um halb zehn. Die düstere Gasse im Diplomatenviertel Gulshan, nur von wenigen Laternen erhellt, ist voller Lärm; ein paar Hundert Demonstranten haben sich vor der Parteizentrale versammelt, schwenken Plakate und brüllen Parolen. Sicherheitsleute bahnen uns einen Weg und schließen rasch das Hoftor hinter unserem Wagen.

Politische Spannung liegt über Bangladeschs Hauptstadt, seit Monaten schon.

"Eine illegale Regierung, nicht vom Volk gewählt!", schäumt Khaleda Zia. Ihre Partei hat die letzten Parlamentswahlen boykottiert. Unter Premierministerin Sheikh Hasina seien keine fairen Wahlen möglich, so die Begründung. Sie fanden dennoch statt, und die regierende Awami-Liga triumphierte.

Zweimal schon war Khaleda Zia, Witwe des 1981 bei einem Anschlag getöteten Militärmachthabers Ziaur Rahman, selbst Premierministerin. Unversöhnlicher Hass verbindet sie mit Amtsinhaberin Sheikh Hasina, Tochter des Republikgründers Sheikh Mujibur Rahman, der Bangladesch 1971 in einem blutigen Bürgerkrieg in die Unabhängigkeit führte und vier Jahre später ebenfalls ermordet wurde.

Die beiden "kämpfenden Begums" polarisieren die Politik Bangladeschs seit über zwanzig Jahren; mit ihrer Fehde nehmen sie das ganze Land in Geiselhaft. Khaleda Zia sagt, sie hege "keine persönliche Feindschaft". Es gehe um Politik.

Wie lange aber wird die Quasi-Alleinherrschaft der Awami-Liga anhalten? "Weniger als ein Jahr", glaubt Khaleda Zia. "Es ist klar, dass wir nicht fünf Jahre bis zu den nächsten Wahlen warten können."

Und wie will sie Wahlen erzwingen? "Nicht mit Gewalt", beteuert sie. Um dann warnend hinzuzufügen: "Die Leute haben die Nase voll." Es klingt, als wolle sie sagen: Ich kann für nichts garantieren.

Tatsächlich hat Bangladesch lange nicht ein solches Ausmaß an politischer Gewalt erlebt wie im vergangenen Jahr. Über 500 Menschen starben.

Gewalt provoziert Gegengewalt. Mit harter Repression trägt Sheikh Hasina zur Eskalation bei. Oppositionspolitiker werden willkürlich verhaftet, Journalisten eingeschüchtert, Gewerkschafter und Bürgerrechtler verschwinden spurlos. Die Zahl der politischen Morde, der extra-legal killings, nimmt nach übereinstimmenden Berichten von Bürgerrechtlern zu.

Ein Menschenrechtsanwalt, gerade erst aus der Haft entlassen, sieht Bangladesch unter Sheik Hasina gar "am Rande des Faschismus" stehen. "Diese Regierung werden wir nicht für die nächsten fünf Jahre haben, sondern für die nächsten fünfzig!", empört er sich bei einem Abendessen.

Ihm widerspricht vehement die Vertreterin einer anderen Menschenrechtsorganisation. Sie hält einen friedlichen demokratischen Wandel für möglich, sieht Chancen für die Erneuerung der oppositionellen BNP, erkennt sogar, bei aller Kritik, die Leistungen der Awami-Liga an.