Das Bundesverdienstkreuz am Bande ist zwischen Pokalen drapiert, den Errungenschaften von Fußballturnieren. Der Mann, dem es vor knapp fünf Jahren verliehen wurde, war damals gerade mal 28 Jahre alt. Der Fußballprofi Benjamin Adrion wurde für sein Engagement bei Viva con Agua ausgezeichnet. Der Verein mit Sitz in Hamburg setzt sich für eine bessere Trinkwasserversorgung in armen Ländern ein.

Heute hängt der Orden in der Trophäenecke im Büro der Initiative. Was bedeutet er Adrion? "Man hat ihn halt entgegengenommen", sagt der etwas flapsig. Dabei ist das Verdienstkreuz für Adrion nicht nur eine besondere Auszeichnung, es ist auch der Beweis dafür, dass er geschafft hat, was nicht allen Profis gelingt: einen glatten Übergang in ein sinnhaftes Leben nach dem Fußball. Adrion, der von allen nur Benny gerufen wird, ist der Gründer und Geschäftsführer von Viva con Agua.

Das Büro am Rand des wuseligen Hamburger Schanzenviertels ist eng, die Arbeitsplätze sind teils durch spanische Wände abgetrennt. Wer hier arbeitet, macht ohnehin nicht sein eigenes Ding. Die Stimmung ist aufgekratzt wie in einer Studenten-WG. 15, 16 Aktivisten sind manchmal im Büro, die benutzten Kaffeebecher türmen sich. Ganz nah ragen die Flutlichtmasten am Millerntor in die Höhe, wo Adrion einst als Profi gespielt hat.

Ohne den FC St. Pauli würde es Viva con Agua heute nicht geben. Im Winter 2005 sollten sich die Profis in einem Trainingslager auf Kuba in Form bringen. Der Club war damals in einen Kuba-Rausch verfallen. Auf einem Poster war die Mannschaft mit Eseln, Trommeln und Gitarren abgebildet. Der Revolutionsmythos Kubas und die kämpferischen Außenseiter im Fußballbetrieb, das passte in der Vorstellung perfekt zusammen.

Nach dem Trainingslager auf Kuba begann er Spendengelder zu sammeln

Auf der Insel angekommen, war Adrion überrascht, zu sehen, dass "die Menschen trotz ärmlicher Verhältnisse so lebensfroh sind". Aber er war auch schockiert von der schlechten Trinkwasserversorgung auf Kuba. In Kindergärten beobachtete er, dass das Wasser zuerst abgekocht und dann wieder gekühlt wurde. Weil das nicht überall praktiziert werden kann, verursacht verdrecktes Wasser auf Kuba Krankheiten. "Wasser ist die Grundlage jeder Entwicklung", sagt Adrion. "Wir drehen einfach den Hahn auf. Aber in vielen Ländern ist Trinkwasser ein knappes Gut, schwer zugänglich, teuer oder aufgrund von Verschmutzungen ungenießbar."

Nach der Rückkehr begann er 2005 in Hamburg Gelder zu sammeln, um zu helfen. Adrion mobilisierte die Szene, in der er sich heimisch fühlt, diesen Kleinkosmos aus Musikern, Fußballfans und Lebenskünstlern im Stadtteil St. Pauli, der sich neben viel Vergnügen auch ein soziales Gewissen leistet.

"Kaum ein anderer Stadtteil in Deutschland strahlt so über die eigenen Grenzen hinaus und besitzt so ein Netzwerk wie St. Pauli", sagt Adrion. "Netzwerk" ist seine Lieblingsvokabel und die Kurbel, die Viva con Agua Schwung verleiht: Zu den Unterstützern der ersten Stunde zählen die Hip-Hopper Fettes Brot oder Bela B. von den Ärzten. Von der Resonanz auf seinen Spendenaufruf war Adrion überwältigt, gemeinsam mit der Welthungerhilfe konnten 150 Kindergärten in Havanna mit Wasserspendern ausgestattet werden.

Als Adrion sich einige Monate später an der Achillessehne verletzte, hatte er reichlich Zeit, sich um sein Herzensprojekt zu kümmern. Fußball wurde immer mehr zur Nebensache. Adrion ist in einer Fußballerfamilie aufgewachsen, sein Vater Rainer spielte als Profi unter anderem beim VfB Stuttgart und war danach als Trainer tätig, zuletzt betreute er die deutsche U-21-Nationalmannschaft. Aber Benny Adrion war es immer unangenehm, auf Fußball reduziert zu werden. "Fußballer, das sind doch in der allgemeinen Vorstellung diejenigen, die zu viele Kopfbälle gemacht haben", sagt er, der in Ludwigsburg bei Stuttgart aufgewachsen ist und dort auch sein Abitur gemacht hat.

Als er sich Anfang der nuller Jahre als Profi beim VfB Stuttgart versuchte, schrieb er sich nebenbei für ein Studium der Geschichte und der Kulturwissenschaften ein. Und als der FC St. Pauli 2006 zögerte, den Vertrag zu verlängern, setzte Adrion ganz auf Viva con Agua.

"Wir wollten nach Afrika", sagt er, "dort steht es um die Wasserversorgung noch schlechter als auf Kuba." In Äthiopien sollten dort Brunnen gebohrt werden, "wo die Menschen Wasser aus völlig verdreckten Wasserstellen trinken müssen, mit verheerenden Folgen".

Adrion stürzte sich in die Arbeit. Nach drei Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit stand er vor der Frage: "Melde ich Privatinsolvenz an, oder führen wir eine Aufwandsentschädigung ein?" Als Fußballprofi habe er nicht viel auf die hohe Kante gelegt, zumal er nie zu den Großverdienern gezählt habe. Inzwischen bezahlt Viva con Agua den Festangestellten Gehälter, von denen man "ohne Existenzsorgen" leben könne. Mehr verrät Adrion nicht. "Aber wenn ich gut verdienen wollte", sagte er, "müsste ich einen anderen Job suchen."

Darum geht es ihm nicht, Adrion hat andere Interessen. In Äthiopien, Uganda, Ruanda oder Kenia hilft die Wasserinitiative dabei, Strukturen aufzubauen, die es der Bevölkerung auf dem Land ermöglichen, ein eigenständigeres Leben zu führen. "Den Hauptteil der Arbeit führen Leute vor Ort aus. Wir leiten die Menschen vor Ort an, damit sie selbst die Anlagen instand halten können." Mit dem Wasser werden auch Gärten bewässert. Dadurch soll die Landflucht und Abwanderung in die überfüllten Großstädte eingedämmt werden.

Oft ist Adrion wochenlang unterwegs, um die Hilfe vor Ort vorzubereiten. Die Hochglanzmotive, die polierten Seiten Afrikas bekommt er dabei nicht zu sehen, er fährt auf unbefestigten Straßen durch die Wüste, an Tiergerippen vorbei und an Viehhirten, die ihre Herden mit Kalaschnikows beschützen. Aber Adrion kennt auch das "unbeschreibliche Glücksgefühl", wenn der Bohrer nach Tagen plötzlich auf eine Wasserader stößt, wie in der äthiopischen Afar-Region. Adrion strahlt, als er diese Geschichte erzählt.