DIE ZEIT: Herr Lehmann, Sie waren als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Mai 2000 einer der Initiatoren des Humboldt-Forums. Sind Sie zufrieden mit der Arbeit Ihres Nachfolgers?

Klaus-Dieter Lehmann: Man kann nur zufrieden sein. Herr Parzinger hat dieses Konzept in einer Weise übernommen, die im Grunde eine Weiterentwicklung ist.

ZEIT: Was hätten Sie anders gemacht?

Lehmann: Möglicherweise hätte ich versucht, die Politik stärker zu überzeugen, die Ressourcen bereitzustellen. Auf der Bauseite sind die Verhältnisse relativ geordnet, auf der Konzeptseite ist Herr Parzinger immer noch ein Einzelkämpfer.

Hermann Parzinger: Das ist in der Tat ein Problem. Es hat mich die ersten vier Jahre meiner Amtszeit gekostet, bis die Stabsstelle Humboldt-Forum eingerichtet wurde, die die gesamte Koordinierungsarbeit leistet. Wenn wir 2019 eröffnen wollen, müssen wir den Personalstamm, der das leisten soll, allmählich aufbauen.

ZEIT: Herr Lehmann, Ihr Vorschlag für das Humboldt-Forum erfolgte im Klima einer erregten Debatte über das Schloss. Alle stritten über die Hülle, und dann kamen Sie, der von der Funktion "innen" sprach. Das ist nie im selben Maß öffentlich diskutiert worden wie das Außen. Weshalb?

Lehmann: Im Grunde gibt es niemanden, der das Pathos des Anfangs herunterbricht in Geschichten, in Narrative, die das Ganze so füllen, dass die Öffentlichkeit mit den Inhalten im Detail befasst wird. Dazu braucht es aber eine Ressource im Sinne einer externen Gruppe, die erzählt, was in der "Agora", also dem Veranstaltungszentrum, genau passiert an Theater, Film, Musik, Tanz und wie die Agora mit den Sammlungen verbunden ist, wie man die heutigen Themen mit den ethnografischen Artefakten verbinden kann.

Parzinger: Der Funken ist bis jetzt nicht so recht übergesprungen. Aber mit der Sichtbarkeit des Baues wird auch das Interesse am Inhalt steigen.

ZEIT: Preußen, der neue Wilhelminismus – all das ist kein Thema mehr. Worin liegt heute die Bedeutung des Stadtschlosses, außer dass es das größte kulturpolitische Vorhaben der Bundesrepublik ist?

Parzinger: In der Tat hat sich in den letzten 14 Jahren unser Land verändert. Unsere Aufgabe muss es sein, auch die Menschen zu begeistern, denen es nicht so wichtig ist, ob es dort ein Schloss gibt oder nicht. Man muss klarmachen, dass durch die Sammlungen hier auch ein Teil ihrer Geschichte und Tradition liegt. Gleichzeitig wollen wir sie einbeziehen in die Bespielung des Humboldt-Forums. Die Veranstaltungsbereiche müssen das widerspiegeln, was in der Welt geschieht: Wo gibt es neue künstlerische Entwicklungen? Wo werden wichtige gesellschaftspolitische Diskussionen geführt?

Lehmann: Die Wurzeln sind das eine, aber es geht auch um eine Neudefinition. Eine gewisse Rolle spielt dabei der starke Selbstbezug vieler Deutscher: Sie wollen sich ja gar nicht unbedingt so intensiv mit der Welt befassen. Die Idee, dass man in Kenntnis seiner "preußischen" Wurzeln außereuropäische Themen dort hinbringt, ist für viele verwegen. In den Kanon passen Folklore, eine gewisse Romantisierung der Tropen, die Stereotypen von Primitiven, von Armen. Wenn wir nicht in der Lage sind, dieses Bild aufzubrechen, wäre das verfehlt. Die spannendsten Themen der Menschheit kommen heute aus den außereuropäischen Kulturen: Migration, Urbanisierung, Landflucht, Klima, gesellschaftliche Auf- und Umbrüche. Und diese Themen sind näher, als manche glauben!

ZEIT: Warum benötigt eine kulturhistorisch präsentierte Sammlung heute unbedingt ein neues Narrativ, das über sie gestülpt wird?

Lehmann: Weil die Welt sich geändert hat! Wir können nicht die Geschichten des 19. Jahrhunderts erzählen. Das ist die koloniale Zeit gewesen, und aus dieser Zeit hat man die Erzählweise abgeleitet. Die Artefakte, die im Dahlemer Museum ausgestellt werden, sind gleichsam geologische Schichten. Die muss man erzählbar machen. Man muss Einblicke in die vorkoloniale, koloniale, postkoloniale Zeit gewähren, aber auch Ausblicke der Gegenwart bieten.

Parzinger: Wir müssen die Sichtweisen der Herkunftskulturen einbeziehen und mit indigenen Vertretern genauso zusammenarbeiten wie mit Kulturwissenschaftlern aus diesen Ländern. Wie präsentieren sie ihr kulturelles Erbe? Wie sollten wir dieses Erbe zeigen? In der Regel wollen sie nicht, dass die Werke ihrer Vorfahren nur unter ästhetischen Gesichtspunkten oder als Exotica gezeigt werden, das müssen wir ernst nehmen.