Mein Handy habe ich verloren. Sofort habe ich mir ein neues organisiert, bei dem natürlich die Namensliste fehlt. Wer mich jetzt nicht anruft, geht mir verloren. 200 Seiten Text habe ich im Verlag abgegeben – der Lektor fährt in den Urlaub, seinen Termin muss ich einhalten. Halten muss ich an der Universität auch eine Vorlesung, und sonst drehe ich einen Film. Dabei bin ich schon 68 Jahre alt und außerdem keiner, der jung sein will. Es ist nur ein ökonomisches Problem: In meiner Jugend herrschte nach mir nicht die geringste Nachfrage. Damals, in dieser stillen Zeit, entwickelte ich meine Anlagen zur Faulheit. Heute bin ich im Geschäft und kann mir keine Faulheit mehr leisten. Nervös lese ich Wilhelm Schmids Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. "Die Lebenskunst", sagt Schmid über sich, "ist seit langem mein Thema, nicht weil ich sie habe, sondern weil ich sie brauche."

Der Autor ist klug, er geht nicht in die üblichen Fallen der Lebensberatung. Das liegt auch an seiner Disziplin, an der Philosophie, die weniger diensteifrig ist als die gängigen Diskurse über Altwerden und Jungbleiben. "Gelassen leben", sagt Schmid, "kann ein Mensch nur mit dem, was er als wahr akzeptiert – ansonsten benötigt er alle Kraft für die Leugnung des angeblich Unwahren, das dennoch existiert." Das gilt nach meiner Meinung für das meiste, das als "positives Denken" in Umlauf ist. Schmids sehr erfolgreiche Interventionen zur Lebenskunst lassen sich dadurch charakterisieren, dass sie keinen Optimismus vortäuschen und dass sie auch die traurigen Möglichkeiten in Betracht ziehen. Andererseits versinken sie nicht in der Melancholie, sondern sie versuchen, realistisch herauszuholen, was im Leben drin ist.

Das heißt auch, darüber nachzudenken, was nicht drin ist: "Ich will", schreibt Schmid, "kein Wutgreis sein, der seine Wut über das vergehende Leben an allem auslässt, was auflebt. Ich will nicht in Kampfmontur ausrücken, mit dem fordernden Blick derer, die sicher sind, immer richtig zu liegen, um die letzten Kräfte in Altersaggressionen gegen die Jüngeren abzureagieren, die immer alles falsch machen." Hierin liegt das Problem: Dass die Jungen einen überleben, während man damit fertig werden muss, dass man selbst nicht mehr leben wird. Ins Positive wenden lässt sich das durch eine pädagogische Funktion, die die Alten übernehmen könnten. Sie haben – im Idealfall – Zeit, "dem heranwachsenden Leben beizustehen, Erfahrungen weiterzugeben und neue Erfahrungen zu machen".

Älterwerden heißt ja nicht, dass man plötzlich stirbt, es reißt einen nicht plötzlich aus dem Leben heraus, sondern im Älterwerden hat man einen Zeitraum, in dem man bewusst den Tod, der da kommen wird, als Ende ins eigene Leben integrieren kann. Ein Verhältnis zum Tod, um mit ihm leben zu können, lautet eine von zehn Kapitelüberschriften in diesem Buch. Die vernünftige Positivierung des Negativen ist die Stärke Schmids, zum Beispiel seine Wertschätzung der Feindschaft: "Hat sie nicht Kontinuität ins Leben gebracht, oft mehr als andere Beziehungen?" Schade, dachte ich nach der Lektüre dieser gewinnbringenden Kunst des Älterwerdens, dass ich keine Zeit zur Gelassenheit habe. Wann wird es endlich so weit sein? franz schuh