In seiner Rezension des Buches Ganz oben Ganz unten von Christian Wulff lässt Peer Steinbrück bei aller Kritik an den Medien die ZEIT unerwähnt. Das war selbstverständlich allein seine Entscheidung. Wir haben nicht um Schonung gebeten, als wir den ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten baten, Wulffs Erinnerungen für uns zu besprechen.

Auch Christian Wulff spart die ZEIT in seiner Abrechnung mit den Medien weitgehend aus, die ZEIT habe "eine gewisse Distanz zur allgemeinen Hetze" gewahrt, schreibt er in seinem Buch. Heißt das, dass wir alles richtig gemacht haben? Waren wir bei den Guten?

Na ja. Zwar hat die ZEIT darauf verzichtet, den Fall Wulff zur Titelgeschichte zu machen. Wir waren mit Rücktrittsforderungen zurückhaltend und haben die Rolle mancher Medien von Anfang an kritisiert. Zur Wahrheit über unsere Berichterstattung gehört aber auch: Wir sind heute bei den relativ Guten, weil wir damals bei den eher Schlechten waren. Schlecht hieß: Wir hatten keine eigenen investigativen Erfolge. Dieses Fehlen eigener "Enthüllungen" wurde intern durchaus kritisiert. "Vielen Journalisten ging es darum, mich vorzuführen, mich schwitzen zu sehen, mich lächerlich zu machen", schreibt Wulff. Vielen Journalisten, auch uns, ging es aber darum, im täglichen Wettlauf zu bestehen. Als wir einmal einen scheinbaren Widerspruch Wulffs im Zusammenhang mit einer Urlaubsreise entdeckten, waren wir erleichtert, auch einmal etwas zu haben, und gaben die Geschichte an die Agenturen weiter. Ohne Resonanz. Heute sind wir darüber froh, damals waren wir es nicht.

Heute sind sich fast alle einig, dass Schuld und Sühne im Fall Wulff in einem grotesken Missverhältnis stehen, aber das wusste man anfangs nicht, die Journalisten nicht zu Beginn der Recherchen, die Staatsanwälte nicht zu Beginn der Vorermittlungen. Was also wäre angemessen gewesen, verhältnismäßig? Wahrscheinlich, und das gilt ganz generell, dies: nicht alle Zwischenstände gleich in die Welt hinauszublasen, wenn man selbst den Überblick verloren hat, was wichtig ist und was nicht.

Grund genug also, die eigene Berichterstattung noch einmal durchzumustern: Haben auch wir uns an der "persönlichen Demütigung" (Steinbrück) von Christian Wulff beteiligt?

Über den Fall Wulff sind in der ZEIT seit Dezember 2011 insgesamt 44 Artikel erschienen, darunter sieben Leitartikel. Der zentrale Satz im ersten Leitartikel vom 15. Dezember 2011 lautete: "Wulffs Ansehen leidet, sein Handlungsspielraum wird enger, und die Institution Staatsoberhaupt würde Schaden nehmen, wenn sich der Eindruck festsetzen sollte, auch dort, ganz oben, sitze einer, der nur auf den eigenen Vorteil aus ist."

In der Redaktion haben wir damals lange darüber diskutiert, ob wir schon in diesem ersten Text den Rücktritt fordern sollten. Wir haben uns dagegen entschieden. Weil wir die Vorwürfe weder für erwiesen noch für erdrückend hielten. Vor allem aber, weil wir in vergangenen Debatten den Eindruck gewonnen hatten, Politikerrücktritte würden gleichsam reflexhaft gefordert. Eine Woche später schrieb Giovanni di Lorenzo daher in seinem Leitartikel, es sei Zeit, wie es in der Unterzeile hieß, "Kriterien dafür zu diskutieren, wann ein Rücktritt geboten ist und wann nicht". Und schon in derselben Ausgabe kritisierte Josef Joffe in seiner Kolumne die "deutsche Empörungsgemeinschaft".