Als die ersten chilenischen Rentner das Zippel-Haus betreten, dreht der Kellner die Musik auf. "Grüß Gott miteinand’", jodelt es durch die Lautsprecherboxen des Speisesaals, "genießt die schönen Stunden fern vom Alltagstrott." Es riecht nach Kassler mit Sauerkraut hier am Fuße der Anden, 12.000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt. Aber im Restaurant von Villa Baviera, dem Bayerischen Dorf, ist Heimat angesagt: Geweih und Lodenjacke hängen an den Wänden, Maßkrüge stehen auf den Regalen, im alten Ofen lodert ein Feuer. Blitzblank ist der graugrün geflieste Boden, vor den Fenstern zwitschern die Vögel; nichts deutet auf die blutige Vergangenheit dieses Ortes hin. "Mmmmh!", rufen die Rentner, als die dampfenden Platten aufgetragen werden. Diese Tagestour macht ihnen Laune. Eine Busstunde entfernt von ihrem Wohnort Parral in Mittelchile erleben sie ein Fleckchen Nachkriegsdeutschland aus dem Bilderbuch. Ausgerechnet hier, wo jahrzehntelang das Grauen regierte. Denn früher hieß Villa Baviera Colonia Dignidad.
Colonia Dignidad: Ausspannen im Folterlager
In der chilenischen Colonia Dignidad regierte jahrzehntelang der Terror eines deutschen Sektenführers. Heute feiern dort traumatisierte Dorfbewohner das Oktoberfest – und hoffen auf Touristen