Die Familienkonstellation von William Dunne ist so vertrackt wie die irische Geschichte: Er stammt aus einer Familie katholischer Iren, doch sein Vater ist loyaler Anhänger der britischen Krone. Als Mitglied der Dublin Metropolitan Police befehligt er 1913 einen Polizeieinsatz in den Straßen von Dublin, bei dem mehrere Arbeiter verletzt werden. William verliebt sich, ausgerechnet, in die Tochter eines der Verletzten. So kompliziert die Lage ist, findet Williams gesamte Kindheit und Jugend Platz im ersten Kapitel von Ein langer, langer Weg des irischen Autors Sebastian Barry.

Dann wird William Soldat im Ersten Weltkrieg, und damit sind diese ersten Seiten kaum mehr als eine Folie, vor der sich alles Folgende brutal abhebt. Doch die genügt, um den Roman nicht einfach auf dem großen Bücherstapel zum Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren landen zu lassen. Auf Englisch ist er bereits 2005 erschienen, war für den Man-Booker-Preis nominiert und ist Teil von Barrys weit angelegtem Erzählflechtwerk. Mit seinen Romanen und Theaterstücken deckt er Jahrzehnte irischer Geschichte ab, das Personal taucht immer wieder auf: Die Schwestern von William etwa sind in weiteren Romanen die Hauptfiguren, aus ihrem Blickwinkel wird das irische Leben bis hinein in die 1960er Jahre erzählt.

Bei Barry halten Alltagsmenschen die Knoten der Geschichtsschreibung in der Hand. William ist Maurer und hat sein Ziel bereits als Siebzehnjähriger klar vor Augen: als Bauarbeiter reich werden und Gretta heiraten. "Doch dann kam plötzlich eine ganz andere, eine sonderbare Zeit, die Zeit des Krieges, und gegen Grettas Wunsch wollte er in den Krieg ziehen." Zu Anfang des Ersten Weltkrieges traten viele Iren als Freiwillige der britischen Armee bei. Ihre Überzeugung: Für die Chance auf irische Selbstverwaltung sei es eine patriotische Pflicht, mit England gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen. Aber Barry lässt William nicht aus politischer Überzeugung, sondern als Privatperson in den Krieg ziehen: William möchte die Anerkennung seines Vaters gewinnen, Drill und Schlachtfeld scheinen ihm dafür geeignet.

An der Front ist er schnell mit dem Grauen konfrontiert, mit Grabenkämpfen und Giftgasangriffen. Seine Kameraden sterben, er überlebt und beobachtet die innere Verrohung: "Sein Geist wurde immer leerer und dünner, und er fühlte sich minderwertiger denn je." Im letzten Kapitel des Romans hat William seine Gretta verloren und seinen Vater düpiert, in den Straßen von Dublin wird er bespuckt: "Man hätte losbrüllen mögen vor lauter Qual. Dass der Krieg völlig sinnlos geworden war, spielte kaum eine Rolle."

Über eine große zeitliche Distanz hat Sebastian Barry sich in den Ersten Weltkrieg hineinrecherchiert und -geschrieben. Das Weiterknüpfen seines irischen Geschichtsnetzes war vielleicht sein Anfangsimpuls. Darüber hinaus gelingt es ihm aber, mit der Figur William Dunne einen Blick auf europäische Geschichte zu werfen. Dabei lösen sich alle einfachen Gegensätze auf, und unsere Gegenwart in Europa erscheint plötzlich in einem anderen Licht: Schließlich entstammt sie jenem Schrecken von einst.