DIE ZEIT: Herr Bona, Herr Guzzella, Sie beide sind nicht nur Hochschul- und Institutsmanager, sondern auch Wissenschaftler. Auf welche Ihrer Erfindungen sind Sie am meisten stolz?

Gian-Luca Bona: Ich arbeitete lange bei IBM in der Forschung. Uns gelang es erstmals, leistungsfähige Halbleiterlaser zur optischen Datenkommunikation über weite Distanzen einzusetzen. Von Sacramento bis Chicago ging der erste Link. Heute sind diese 980-Nanometer-Halbleiterlaser ein internationaler Standard, um Signale zu verstärken.

ZEIT: Was war am wichtigsten, damit es zu dieser Erfindung kam?

Bona: Ein hochkompetentes Team, eine gute, inspirierende Umgebung, eine gewisse Freiheit – und die Möglichkeit, sich einen business case zu überlegen. Eigentlich ging es damals nicht um die optische Datenkommunikation, sondern um einen Laser für optoelektronische Speichermedien wie die CD-R.

ZEIT: Herr Guzzella, Sie nickten beim Wort Inspiration ...

Lino Guzzella: Ich habe bei der Freiheit genickt, die ist zentral. Wir dürfen aber nicht Innovation mit Erfindung verwechseln. Eine Erfindung ist ein schöpferischer Akt, der dem menschlichen Genie entspringt. Das ist etwas vom Schönsten, das es im Leben gibt – der Moment der Erkenntnis. "Heureka!", rief Archimedes und rannte nackt durchs Dorf. Dieser Glücksfall tritt aber nur ein, wenn ein Humus vorhanden ist, wenn ein Urvertrauen herrscht, man muss sich wohlfühlen. Unter Stress macht man keine genialen Erfindungen.

ZEIT: Wie war das bei Ihnen, als Sie nackt durch die ETH rannten?

Guzzella: Das bin ich zum Glück nie, sonst hätte man mich nicht zum Rektor gewählt. (lacht) Als ich bei der Firma Hilti gearbeitet habe, haben wir – auch im Team, aber ich hatte die ursprüngliche Idee – eine Art Airbag für Bohrmaschinen entwickelt ...

ZEIT: ... also für die schweren Hilti-Bohrer, die man auf Baustellen benutzt.

Guzzella: Genau. Da kam es immer wieder zu schweren Unfällen. Bauarbeiter stürzten vom Gerüst oder von der Leiter. Unsere Erfindung rettete Leben, deshalb bin ich so stolz auf sie.

ZEIT: Beide nennen Sie ein Beispiel, das Sie bei einer Firma erlebten – und nicht an einer Hochschule.

Bona: Das ist Zufall, ich war 20 Jahre bei IBM und bin nun erst seit viereinhalb Jahren an der Empa.

Guzzella: Der primäre Sinn und Zweck von Hochschulen ist es nicht, Erfindungen zu schaffen. Sie schaffen die Bedingungen, damit Erfindungen überhaupt möglich werden. Ein wichtiger Teil ist dabei die Ausbildung. Durchbrüche, wie sie Herr Bona erzielte, die schafft man nur, wenn man weiß, was Quantenphysik ist. Fragen Sie ihn mal, wie lange es dauerte, bis er die Quantenphysik verstanden hatte, und wie viele Leute sich vor ihm reinknien mussten, um diese Theorien zu entwickeln.

ZEIT: Sie haben gesagt, man dürfe nicht Erfindung mit Innovation verwechseln. Was ist der Unterschied?

Guzzella: Eine Erfindung ist oft der Ursprung einer Innovation. Eine richtige Innovation hat einen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Impact. Vom "Heureka!"-Moment zur Schaffung von Tausenden von Arbeitsplätzen – das ist ein unglaublich langer Weg.

Bona: Es braucht für eine Innovation vielleicht nicht einmal einen "Heureka!"-Moment. Was es aber sicher braucht, ist eine ganze Kette – mitsamt Business-Plan, Finanzierung und so weiter. Dazu braucht es nicht nur einen Physiker, sondern auch einen Ökonomen oder einen Financier.

ZEIT: Sie messen also den Erfolg einer Innovation allein an ihrer ökonomischen Wirkung?

Guzzella: Ökonomisch ist zu eng gefasst. Es gibt Innovationen, die in der Verwaltung oder der Gesellschaft große Wirkung entfalten. Zum Beispiel der Umweltschutz. Dazu braucht es Vorschriften, Gesetze und deren Umsetzung.

ZEIT: Aber kann man die Wirkung einer Innovation überhaupt messen?

Bona: Sie können sie messen, aber nicht unmittelbar. Wenn Sie als Wissenschaftler ein Science-Paper schreiben, dann wissen Sie nach fünf Minuten googlen, was Ihr Impact ist. Bei einer Innovation braucht es vielleicht Jahrzehnte, bis man ihn sieht.

Guzzella: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: der Dreiwegekatalysator. Da machten zwei Forscher Anfang der siebziger Jahre eine Erfindung. Das war übrigens kein großer Schritt, Katalyse hatte man schon lange verstanden. Die hatten einfach die Idee: Lass uns, was wir aus der Chemie kennen, im Auto ausprobieren. Es funktionierte, andere Firmen kamen hinzu und verbesserten die Elektronik und den Aufbau. Dann zwang der Gesetzgeber in Kalifornien die Autohersteller dazu, Katalysatoren einzubauen – das war der Durchbruch. Und heute können Sie hier in Zürich den Stickoxidgehalt in der Luft messen, und Sie werden feststellen: Die Luft ist viel sauberer als früher.