Was zunächst aussah wie eine lästige Personalie, hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einem europäischen Großkonflikt entwickelt. In zwei Wochen wollen die Regierungschefs der EU vorschlagen, wer künftig die Europäische Kommission führen soll. Doch eine gemeinsame Lösung ist nicht in Sicht. Juncker-Unterstützer stehen unversöhnlich gegen Juncker-Gegner; das Europäische Parlament steht gegen die Regierungschefs; die Briten stehen anscheinend gegen alle. Aber alle gemeinsam berufen sich auf den Willen der Wähler oder besser auf das, was sie als Willen der Wähler interpretieren.

In Europa einen Kompromiss zu finden ist immer schwierig. Aber so tief wie dieses Mal waren die Gräben lange nicht.

Und doch gäbe es einen Ausweg. Ein Mann könnte den Weg für eine einvernehmliche, wahrhaft europäische Lösung ebnen. Er müsste hierfür allerdings ein großes Opfer bringen: Jean-Claude Juncker müsste seine Kandidatur für die Kommissionsspitze zurücknehmen.

Es ist einer der Widersprüche der zurückliegenden Europawahl, dass die großen Parteifamilien zwar zum ersten Mal mit Spitzenkandidaten angetreten sind. Mit ihrer Nominierung war die Idee verbunden, die europäische Politik transparenter zu machen und zu personalisieren. Doch ausgerechnet eine Frage ist im Wahlkampf so gut wie gar nicht diskutiert worden: ob diejenigen, die zur Wahl standen, überhaupt die Richtigen sind, um die EU – genauer: die EU-Kommission – zu führen. Auch heute verschwindet diese Frage hinter vielen anderen Motiven.

Wer sie dennoch stellt, wer also die Verantwortlichen in Brüssel oder in Berlin fragt, ob Juncker eigentlich der Richtige sei, macht eine merkwürdige Erfahrung: Es gibt nicht viele, die wirklich von ihm überzeugt sind. Dass der frühere Luxemburger Regierungschef in der Vergangenheit große Verdienste erworben hat, bestreitet niemand. Aber die Zweifel, ob er auch ein Mann für die Zukunft ist, sitzen tief. Auch in den Reihen der Europäischen Volkspartei (EVP), für die Juncker angetreten ist und zu der CDU und CSU gehören.

Die Ergebnisse der Europawahl werden in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich interpretiert. Aber eine Botschaft haben die meisten Regierungschefs verstanden: Die EU wird sich und ihre Politik ändern müssen, wenn sie das Vertrauen, das in vielen Ländern verloren gegangen ist, wiedergewinnen will. Aus diesem Befund speisen sich die Vorbehalte gegen Juncker. Denn als Reformer oder Erneuerer ist der heute 59-Jährige schon nicht aufgefallen, als er noch jünger war. Und den Europawahlkampf hat er weniger mit Esprit bestritten als vielmehr mit dem wiederholten Hinweis, dass er die meisten Fragen im Laufe seiner langen Karriere schon einmal beantwortet hat. Die Financial Times, eine britische Zeitung, aber nicht antieuropäisch, hat ihn deshalb schon früh als yesterday’s man beschrieben. Als Mann von gestern.

Angela Merkel hat lange Zeit gezögert, sich überhaupt auf den Versuch mit Spitzenkandidaten einzulassen. Später hat die CDU-Vorsitzende Juncker selbst vorgeschlagen. Eine Begründung für diesen Vorschlag ist sie bis heute schuldig geblieben. Mitarbeiter, die der Kanzlerin nahestehen, geben sich wenig Mühe, ihre Abneigung gegen Juncker zu verbergen. Auch daher rührt die Vermutung, dass sie Juncker nicht wirklich will. Wenn Merkel überzeugt von dem ist, was sie selbst behauptet – dass die nächsten fünf Jahre entscheiden, welchen Platz Europa in der Welt einnehmen wird –, dann ist ihr Umgang mit der Frage nach dem nächsten Kommissionspräsidenten unverantwortlich.

Viele Europaabgeordnete bestehen auf Juncker, ausschließlich um den Regierungschefs die Personalhoheit zu entwinden und die Macht des Europaparlaments auszubauen. Auch wenn sie dabei noch so oft auf die Europäischen Verträge verweisen: Die Rechtsgrundlage, auf die sie sich berufen, ist alles andere als eindeutig.