... für Sparer?

Einer muss am Ende die Zeche zahlen – und zwar der deutsche Sparer. Die Rettung aus der Finanzkrise geht auf seine Kosten. Diese Sorge ist weit verbreitet, und Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, rechnete kürzlich vor: Durch die Politik der Minizinsen entgingen den deutschen Sparern pro Jahr 15 Milliarden Euro an Zinserträgen. Das mache pro Kopf, Kinder mitgerechnet, 200 Euro im Jahr. Sparer würden schlicht enteignet. Das hätten wir der Europäischen Zentralbank und ihrem Präsidenten Mario Draghi zu danken.

Stimmt das?

Niemand bestreitet: Wer Erspartes auf dem Sparbuch oder einem Tagesgeldkonto hat, wer in eine Lebensversicherung einzahlt oder Anleihen kauft, den kosten die niedrigen Zinsen Geld. Unter dem Strich, also nach Abzug der Inflation und gegebenenfalls auch noch der Steuern, dürfte das Ersparte in vielen Fällen derzeit schrumpfen. Sparen lohnt nicht mehr. Das sei das fatale Signal dieser Politik, klagt der Sparkassenpräsident.

Und doch: Sparer könnten ihr Geld in Aktien oder Immobilien anlegen. Wer Unternehmensanteile oder ein Haus besitzt, profitiert nämlich fürs Erste von den Niedrigzinsen. Diese Geldanlagen sind im Vergleich zu Sparbüchern attraktiver geworden und ziehen darum mehr Käufer an. Auch deshalb fließt so viel Geld in Betongold, und auch deshalb überschritt der Deutsche Aktienindex kurz nach der Zinssenkung der EZB die Grenze von 10.000 Punkten. Sparen kann sich also sehr wohl lohnen.

Sollten die braven Sparer deshalb ihre Anlagestrategie ändern, statt zu jammern? So einfach ist es nicht. Die richtige Mischung der Geldanlagen hängt von vielem ab: vom Alter, von der Lebenssituation, den Plänen, zum Beispiel davon, ob das Ersparte bald für besondere Ausgaben gebraucht wird.

Es gibt viele gute Gründe, mindestens einen Teil des Ersparten in Anleihen oder auf Tagesgeldkonten zu parken. Aktien sind nicht in jeder Lebenssituation die richtige Wahl, und Immobilien kann sich auch nicht jeder kaufen. Außerdem ist ungewiss, ob sich am Aktien- und Immobilienmarkt gerade eine neue Preisblase entwickelt. Womöglich sind die tollen Wertsteigerungen nicht von Dauer. Wer also nur mit dem Finger auf den Sparer zeigt – nach dem Motto: Selbst schuld, leg dein Geld halt anders an! –, macht es sich zu leicht.

Viele Menschen kostet die Politik der Niedrigzinsen unausweichlich Geld. Mario Draghi argumentiert, sie würden langfristig profitieren. Durch die Niedrigzinsen werde die Wirtschaft in den Krisenländern gestützt und die Grundlage für neues Wachstum geschaffen. Ohne diese Politik drohe sich die Krise aber zu verschärfen, mit dramatischen Folgen auch für die deutsche Wirtschaft und deutsche Geldanleger.

Letztlich hängt alles davon ab, ob diese Analyse stimmt. Kritiker wie Fahrenschon wenden ein, die erneute Zinssenkung bewirke nichts mehr. Wenn das richtig ist, wäre das Opfer vieler Sparer vergeblich.

Kolja Rudzio