Die meisten Menschen werden die kommenden vier Wochen vor dem Fernseher verbringen. Sie werden die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien verfolgen, sich die Haare raufen, Daumen drücken und Nägel kauen, jubeln und immer wieder mal in Tränen ausbrechen, vor Freude oder Schmerz. Vier Wochen lang wird sich alles um die eine entscheidende Frage drehen, wer am Ende im Finale steht. Fürs Erste lautet die Antwort darauf: ich.

Die Fahrt vom Flughafen Genua über die kurvige Küstenautobahn A 10 nach Finale Ligure dauert eine knappe Stunde. Finale heißt Finale, weil es in der Römerzeit ad fines, an der Grenze zwischen zwei ligurischen Stämmen, lag. Umkämpft war dieser Ort schon immer. Im 13. Jahrhundert übernahm das Geschlecht derer Del Carretto in der Bucht das Regiment, später fiel die Stadt an die spanische Krone, bis 1748 ein genuesisches Heer einzog.

Heute, 266 Jahre später, reicht es, auf Höhe der Ausfahrt Finale L. den Blinker zu setzen und sechs Euro Maut zu bezahlen, was als Eintritt zu einem Endspiel weiß Gott nicht zu viel verlangt ist. Während ich an Wäldern und Industrieanlagen vorbei hinunter zum Meer kurve, frage ich mich, wie das wohl ist, wenn man dauernd hat, was andere nur alle paar Jahre 90 bis 120 Minuten lang erleben dürfen. Ist das ganz normale Leben in Finale irre aufregend? Wird hier jede Verrichtung zum spielerischen Wettkampf? Bekommt man in der Pizzeria nur dann etwas zu essen, wenn man vorher auf eine Torwand geschossen hat?

Ich lasse den Wagen auf einem Parkplatz am Meer stehen und laufe hinüber zur Promenade. Die Möwen jubeln, Palmen wedeln, am Himmel über der Küste versammeln sich euphorische Pomponwolken. Ein behelmtes Kind bearbeitet die Klingel seines Dreirads. Ist das schon der Anpfiff? Ich möchte ungern gleich auf den ersten Metern in einen Zweikampf verwickelt werden, weil ich nicht besonders gut Fußball spielen kann, eigentlich gar nicht, also: mit Bällen überhaupt. Als Kind haben mich meine Eltern oft mit Obst beworfen, um zu demonstrieren, wie schlecht ich fange. Aber vorerst besteht offenbar kein Grund zur Beunruhigung.

Obwohl die Sonne um diese Jahreszeit noch nicht übermäßig heiß brennt, kommt der Mittag über den Ort wie eine Neutronenbombe. Die Liegen der Strandbäder sind verwaist, die Schirme stehen geschlossen Spalier wie halbherzig abgelutschte Eisstiele. Im Schatten der Palmen sitzen Sonnenbrillenhändler unter Schildern, die den Handel mit Sonnenbrillen untersagen. In den Senken zwischen den Giebeldächern der Umkleidekabinen züchtet der Pächter eines Stücks Hundestrand Basilikum.

Finale besteht aus drei Teilen, man könnte auch sagen, zwei mit Verlängerung: Finalborgo, dem mittelalterlichen Festungskern am Hang, Finalpia und Finalmarina, beide am Meer gelegen. An der Promenade lassen zahllose Strandbäder nur wenige Quadratmeter Sand zum kostenlosen Sonnenbaden. In den Immobilien am Ufer sind Hotels und Restaurants untergebracht. Lauschiger wird es in der zweiten Reihe, wo dunkelgrüne Jalousien aus fahlen Fassaden klappen, Geranien von Simsen stürzen und Ladengeschäfte vor der senkrecht stehenden Sonne die Markisen ziehen. Tunnel und Torbögen verbinden ein Gassengeflecht, in ihrem Schatten plakatiert der kleine Ort großflächig seine Todesanzeigen. Eine Parallelachse weiter, jenseits der Hauptstraße, verstecken sich die touristischen Bausünden des 20. Jahrhunderts in den Hügeln. Auf einem der Balkone brät eine Frau mit Bikini in der Sonne.

Aber wo bleibt der sportliche Ehrgeiz? Die Leidenschaft? Das Spiel? Ich schlendere zurück zur Piazza di Spagna, auf der ein übrig gebliebener Triumphbogen in Eierschale und Apricot von einem der vielen historischen Siege kündet, die in Finale gefeiert worden sind. Zu seinen Füßen haben sie ein Zierbeet angelegt – man kennt das von Großereignissen: vielfarbige Blumenmosaike, die eine Weltmeisterschaft oder von mir aus auch die Bundesgartenschau buchstabieren. In Finale ist man offenbar irgendwann dazu übergegangen, das Datum mit eingetopften Sukkulenten in ein Kiesbeet zu schreiben, die jeden Morgen neu arrangiert werden.

Immerzu schreit irgendwer. So soll es sein. Wozu sonst fährt man nach Italien?

Um die Zeit zu überbrücken, bis das Tourismusbüro öffnet, setze ich mich auf die Terrasse eines Restaurants. Ich möchte etwas bestellen, das Angriffslust und Entschlossenheit erkennen lässt. Meine Wahl fällt auf die Büffelpizza. Der Kellner serviert Nationalfarben: Mozzarella, Tomaten, Basilikum. Ein Weltklassekonter. Während des Essens verfolge ich, wie der Inhaber des Waschmaschinenladens vis-à-vis, Via S. Pietro N° 2, den Rollladen seines Geschäfts hochzieht und auf die Straße tritt, wo er auf den Verkäufer aus der Gelateria, Piazza Vittorio Emanuele N° 29, trifft. Nummer 2 zieht eine Zigarette aus der Hemdtasche. Nummer 29 fasst sich ans Gesäß. Gibt das eine rote Karte? Nummer 29 zückt ein Feuerzeug. Nummer 2 nimmt einen Zug, bedankt sich, dann kehren beide zurück in den Schatten. Schön anzusehen, sicher, aber am Ende doch brotlose Kunst.

Unterdessen fahren Männer in neonfarbenen Leibchen an der Terrasse vorüber, die eben noch Müllcontainer geleert haben. Auf ihrem Transporter steht "Finale Ambiente". Wahnsinn, ein ganzes Team, das hier für Stimmung zuständig ist. Einer der Männer zwinkert aus dem offenen Fenster zu mir herüber. Dazu singt er einen italienischen Satz, und der Wind spielt mit seinem schulterlangen, üppigen Haar. Vielleicht hat er auch eine Kappe auf und sagt nur "Ciao", jedenfalls kommt endlich mal so was wie Leidenschaft ins Spiel.

Am späten Nachmittag füllt sich die Piazza. Zweiräder, Dreiräder, Tretroller, Skateboards und Kinderwagen rollen über das Pflaster. Kein Mannschaftssport, jeder spielt für sich allein, aber immerzu schreit irgendwer, und so soll es ja auch sein. Wozu sonst fährt man nach Italien? Im Tourismusbüro drückt mir ein junger Mann namens Carlo einen Stapel Prospekte in die Hand und ist noch dazu so freundlich, auf dem Stadtplan ein grünes Feld mit einem Kreis in der Mitte einzukringeln, das sich auf halbem Weg zwischen Finalmarina und Finalborgo befindet.