Jetzt haben die Internetexperten auch noch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gekapert: Jaron Lanier, einer dieser Männer, die meinungsstark über das Netz debattieren, erhält die angesehenste deutsche Kulturauszeichnung. Ein Amerikaner, der den Datenhandschuh erfand, der die vermeintlich kulturzerberstende Ideologie des Silicon Valley mitentwickelte, der bislang nur drei Sachbücher schrieb, die literarisch unbeholfen und im Aufbau erratisch sind, dieser Mann also soll auf große Autoren und Denker, auf Freiheitsverfechter wie Swetlana Alexijewitsch und auf Liao Yiwu folgen? Aber genau diese Entscheidung passt – und sie ist sogar exzellent.

Jaron Lanier, ein Koloss mit Dreadlocks und Dauergrinsen, ist ein würdiger Preisträger, eben weil er unkonventionell ist. Er spielt Hunderte von Musikinstrumenten, er lehrt Informatik, und seine Bücher können nur von jemandem geschrieben sein, der das Wesen des Computers inkorporiert hat. Sie sind unabgeschlossen, folgen keiner kohärenten Struktur. Lanier hat einen Gedanken, tüftelt an ihm herum, probiert aus. Fertig ist er nie, alles braucht ein Update, früher oder später. You are not a Gadget nannte er sein erstes großes Werk, 2010 veröffentlicht, als das Netz vielen noch als utopischer Ort schien und die Welt dachte, NSA sei die Abkürzung einer amerikanischen Schnupftabakfirma. Schon da rackerte er sich ab an den Heilsversprechen der Partizipation und der Umsonstkultur.

Laniers moralischer Kompass wird von einer einzigen Frage geleitet: Wie kann Technologie dem Menschen dienen? Technik ist kein Selbstzweck, sie muss sich unterordnen. Technik schafft Lösungen für Probleme, nur deshalb ist Lanier in sie vernarrt. Der Einzelne verdient nicht am Reichtum des Netzes: So lautet seine Diagnose in Who owns the Future?, das im Frühjahr auf Deutsch erschien. Jeder Mensch, der im Internet Wert schafft, soll an diesem Wert auch beteiligt sein, lautete seine Lösung gegen Monopolbildung von Google und Co.

Lanier weiß dabei, dass seine Ideen nicht konsistent sind. Er schafft stattdessen Angebote, will mit anderen im Team der Weltgesellschaft weiterdenken. Das unterscheidet ihn von all jenen Netzintellektuellen, die bloß jubeln oder lamentieren. Oft wird behauptet, dass Jaron Lanier sich vom Saulus zum Paulus wandelte, vom Silicon-Valley-Apologeten zum harten Kritiker der kalifornischen Idee. Doch das ist ein Mythos. Lanier lässt sich bloß durch keine Ideologie einschränken. Selbst seine eigene Theorie verwarf er im Gespräch mit der ZEIT im Frühjahr (Nr. 8/14): Er möge zwar weiterhin seine Idee, dass im Netz Inhalte leichter und länger zugänglich seien – nur profitiere leider niemand wirklich davon. Solch einen freien Geist zeichnete die Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels aus: Wir applaudieren!