Wie jedes Stranddorf hat auch Santo André eine Schauseite und eine Rückseite. Auf der Schauseite befindet sich frisch geharkter Sand, über den man die deutsche Fußballnationalmannschaft, beäugt von Kamerateams und schusssicher gekleideten Polizisten, zu einem Bootsausflug schlendern sieht. Auf der Rückseite gibt es zerschlissene Hütten, über die sich Satellitenschüsseln erheben, und es gibt einen staubigen Fußballplatz, auf welchem die örtliche Jugend Spielzüge der Weltstars nachspielt, die dank der Satellitenschüsseln nun auch in ihrem Dorf zu empfangen sind. Zwischen der Vorder- und der Rückseite von Santo André liegt nur ein schmaler Streifen Dschungelvegetation, und doch könnten sich die beiden Orte nicht ferner sein.

Nur an einer Stelle kommen diese beiden Welten kurz zusammen, die Vorder- und die Rückseite Brasiliens, nämlich auf einer stählernen Fähre, die man benutzen muss, wenn man zum Lager der deutschen Mannschaft vorstoßen will. Zwischen dem Lager und dem Rest der Welt liegt eine Flussmündung, die sich nicht anders überwinden lässt. Der Deutsche Fußball-Bund hätte auch eine Burg bauen und einen Wassergraben drum herumziehen können. Stattdessen baute man das Campo Bahia.

Wenn man auf der rasselnden Fähre steht, welche quasi als Zugbrücke über den Burggraben fungiert, wird einem das Tollkühne, Fitzcarraldohafte der Unternehmung bewusst: Die Deutschen lassen sich, anstatt ein Hotel zu nutzen, lieber ein Bungalow-Dorf an den Strand setzen.

So spiegelt sich in diesem deutschen Projekt das Verhalten des Weltfußballverbandes, welcher aus allen WM-Stadien Burgen macht, in welchen die Gesetze der Fifa herrschen. Andererseits: Am Nachmittag darf man der Mannschaft beim Trainingsspiel zusehen und erlebt die flüssige Rasanz der Kombinationen, die selbstvergessene Lust der reichen Männer am (ganz kurzen) Ballbesitz, und man spürt schon, dass diese Mannschaft in Brasilien, dem Heimatland des schönen Spiels, am richtigen Ort ist.

Dann muss man das Trainingsfeld verlassen und steht draußen in der Halbwildnis, und hinter der dünnen Bretterwand geht das Trainingsspiel weiter, man hört die Rufe der Spieler und Betreuer: "Toni"!, "Sami!", "Jule!" (gemeint ist Julian Draxler).

Es ist fast ergreifend, diese dörflichen Schreie von der zweitteuersten Nationalmannschaft der Welt zu hören (nur die Spanier haben einen höheren Marktwert). Und doch ertappt man sich bei dem Gedanken, hier eine Gruppe von sehr besonderen Menschen zu belauschen, die in eine exotische Gegend geflogen worden sind, um einer zweckfreien, kindlichen Jagdleidenschaft zu frönen: der Jagd nach dem Ball.

Es wird eine verdammt teure Reise sein, eine gewaltige Expedition auf der Suche nach dem jogo bonito. Ist sie den Aufwand wert? Wir werden sehen