DIE ZEIT: Herr Müller, Sie sprechen sich für eine werteorientierte Entwicklungspolitik aus. Auf Fotos umarmen Sie aber den südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir. Kiir werden massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Muss man sich in Ihrem Amt so verbiegen?

Gerd Müller: Natürlich bauen wir unsere Arbeit auf weltweit anerkannten Grundwerten auf. Wo Staatenlenker Menschenrechte verletzen, da gibt es auch keine Projekte der Bundesregierung, da fördern wir nur Nichtregierungsorganisationen. Aber wenn man nicht miteinander redet, dann ändert sich nichts. Für mich war entscheidend, Salva Kiir zu fragen: Wo sind die sechs Milliarden Dollar, die Südsudan als Öleinnahmen im Staatshaushalt verbucht? Wie in vielen anderen Rohstoffstaaten auch müssen wir fordern, dass dieses Geld in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung fließt. Und wir müssen verhindern, dass eine korrupte Elite jährlich allein aus Afrika 50 Milliarden Dollar Schwarzgeld aus dem Land bringen kann.

ZEIT: Wie wollen Sie das stoppen?

Müller: Wir fordern Klarheit darüber, wohin das Geld fließt. Die Finanzbeamten der Regierungen, die privaten Ölexportfirmen, die Banken: Alle müssen in Haftung genommen werden. In der Rohstoff-Transparenzinitiative EITI verpflichten sich einige Staaten schon jetzt dazu, die Einkünfte aus Rohstoffverkäufen offenzulegen und Kontrollen wirksamer zu gestalten.

ZEIT: Eine Ihrer neuen Sonderinitiativen gilt der Flüchtlingspolitik. Wenn man die Dramen vor Lampedusa sieht: Soll Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen?

Müller: Wir müssen auf alle Fälle das Anerkennungsverfahren beschleunigen und deshalb auch die Kapazitäten der Behörden verstärken.

ZEIT: Ihre Partei, die CSU, hat vor der Europawahl mit dem Slogan "Wer betrügt, der fliegt" gegen Zuwanderer Stimmung gemacht.

Müller: Kein Mensch darf betrügen, da sind wir uns ja wohl einig. Unsere Flüchtlingspolitik reicht viel weiter. Wir wollen dazu beitragen, dass Flüchtlinge in ihrer Heimat reintegriert werden, so wie hoffentlich die Millionen von Menschen aus Syrien nach einem Waffenstillstand. Und wir wollen die Ursachen der Flucht in den Ländern bekämpfen.

ZEIT: Wo sehen Sie die zentrale Ursache?

Müller: In Nigeria zum Beispiel sind über 50 Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahre alt, und über die Hälfte der jungen Leute ist arbeitslos und ohne Perspektive. Wenn wir ihnen nicht Arbeit und Ausbildung bieten, drohen Kriege und Konflikte. Wir sehen es jetzt bei den Terroranschlägen von Boko Haram. Und dann werden sich gewaltige Fluchtwellen nach Europa in Bewegung setzen. Deshalb verstärken wir unsere Zusammenarbeit bei der Berufsausbildung mit Nigeria.

ZEIT: Wie sieht eine präventive Flüchtlingspolitik praktisch aus?

Müller: In den afrikanischen Problemstaaten ist der Aufbau verlässlicher staatlicher Institutionen und stabiler Wirtschaftsstrukturen am wichtigsten. Wir sehen das in Ländern wie Ghana oder Kenia, wo es einen klaren Rechtsrahmen und Investitionssicherheit gibt. Solche Länder haben hohe Wachstumsraten und kommen voran.

ZEIT: Wirtschaftliche Entwicklung beginnt in Afrika auf dem Land, deshalb haben Sie für den Agrarsektor zehn grüne Innovationszentren angekündigt. Exportieren Sie da ein Modell nach Afrika mit deutschen Traktoren und Pestiziden?

Müller: Ich empfinde es als Schande, in Afrika hungernden Menschen zu begegnen. Der Kontinent importiert Lebensmittel für 35 Milliarden Dollar im Jahr. Dabei hat er das Potenzial, nicht nur sich selbst zu ernähren, sondern auch noch andere Kontinente. Die Ursache ist, dass in Afrika der Boden wie im 19. Jahrhundert mit Pflug und Hacke bestellt wird. Wenn wir moderne Bewässerung, Landtechnik, Pflanzenschutz und Saatgut einsetzen, dann können wir die Produktivität verdoppeln. Ebenso beschämend ist, dass bis zu 50 Prozent der Ernte verrotten. Es fehlen Verarbeitung, Lagerung und Logistik. Das technische Wissen und die Ausbildung dafür wollen wir in den grünen Zentren vermitteln.

ZEIT: Profitieren davon nicht wieder die ohnehin gebildeteren und reicheren Landwirte?

Müller: Meine Antwort lautet: Raiffeisen. Die Urzellen dieses Agrarverbandes waren in Deutschland im 19. Jahrhundert einmal sogenannte Hungervereine. Da haben 20 Bauern mit ihren kleinen Anwesen Genossenschaften gebildet, Lagerhäuser gebaut und Dorfbanken gegründet. Auch afrikanische Bauern können ihre Erträge optimieren, wenn sie zusammenarbeiten. In unseren Zentren werden wir solche Strukturen aufbauen.

ZEIT: Dabei arbeiten Sie auch mit dem Agrobusiness zusammen. Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass die Unternehmen dabei die Agenda diktieren.

Müller: Für mich ist die Grundbedingung, dass die lokalen Bauern ihren Besitz behalten und dass die Dorfgemeinschaften mitwirken, dass sich regionaler Handel entwickelt und die Bauern mehr Einkommen erzielen.

ZEIT: Sie wollen den Handel nachhaltig gestalten und haben jüngst einen Runden Tisch für die Textilindustrie zusammengerufen. Soll noch ein weiteres Siegel die Verbraucher verwirren?

Müller: Die Branche unterläuft vielfach am Beginn der Produktionskette europäische Standards, ob bei Arbeitsschutz, Mindestlöhnen, Chemikalieneinsatz oder Abwasserklärung, indem sie die Produktion nach Bangladesch, Vietnam oder Afrika verlagert. Dort zahlen sie den Näherinnen fünf Cent in der Stunde. Deutsche Konsumenten würden das zu Hause niemals akzeptieren, aber sie tragen die Kleidung. Deshalb haben wir die Textilwirtschaft gebeten, Vorschläge zu unterbreiten, wie wir soziale und ökologische Mindeststandards in der gesamten Kette vom Baumwollfeld bis zum Bügel im Kaufhaus bei uns umsetzen, garantieren und transparent für den Kunden darstellen können.