DIE ZEIT: Herr Enderlein, was hat sich für Sie verändert?

Hartmut Enderlein: In einem Punkt hat sich nichts verändert – mich beschäftigt seit Jahren die Frage, was getan werden muss, damit ein großes Unrecht beseitigt wird: Ich erhalte nämlich, genau wie etwa 900 andere emeritierte Professoren aus Ostdeutschland, eine beschämend niedrige Altersversorgung. Aber wir lassen uns das nicht mehr gefallen.

ZEIT: Sie sind zum Anführer einer politischen Kampagne geworden.

Enderlein: So können Sie das nennen. Unser Engagement schlägt Wellen. Wir stehen im Austausch mit Angela Merkel. Und zweimal im Jahr empfängt uns der Chef der Sächsischen Staatskanzlei. Aber mehr als Versprechungen haben wir noch nicht gehört.

ZEIT: Was ist unfair an Ihrer Altersversorgung?

Enderlein: Das Problem betrifft viele DDR-Professoren, die nach der Wiedervereinigung neue Verträge erhielten – und die die Hochschulen hier neu aufgebaut haben. Wir sind damals getäuscht worden. Unsere Altersbezüge liegen bei durchschnittlich 30 Prozent unseres früheren Einkommens. Normal wären 70 Prozent. Ein ehemaliger Rektor wird versorgt wie ein ehemaliger Gefängnisaufseher. Das Verrückte ist, dass wir sogar geringer versorgt sind als mancher Professor, der 1990 aussortiert wurde.

ZEIT: Sie meinen diejenigen, die zu eng mit dem SED-Regime paktiert hatten?

Enderlein: So ist es. Zugespitzt gesagt: Wären wir in der SED gewesen und nach der Einheit entlassen worden, hätten wir unter Umständen nun eine bessere Versorgung.

ZEIT: Warum ist das so?

Enderlein: Als wir nach der Wiedervereinigung die neuen Dienstverträge unterschrieben, waren wir zu alt, um noch verbeamtet werden zu können, aber zu jung, um von der sogenannten DDR-Intelligenzrente zu profitieren. Der sächsische Wissenschaftsminister hatte uns damals zugesagt, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, man werde schon eine Lösung finden. Darauf warten wir heute noch.

ZEIT: Wie führen Sie Ihre politische Kampagne?

Enderlein: Das musste sich erst entwickeln. Im Jahr 2000 haben wir einen Verein gegründet. Zunächst versuchten wir, unser Recht einzuklagen – allerdings ohne Erfolg. Die Richter sagten, nur die Politik könne uns helfen. Also legten wir richtig los. Zunächst machten wir so viele Politiker wie möglich auf unser Problem aufmerksam: die Wissenschaftsminister der neuen Länder, die Ostbeauftragten, die Staatskanzleichefs, die Ministerpräsidenten.

ZEIT: Hatten die alle Zeit für Sie?

Enderlein: Viele schon. Natürlich legen manche Politiker auch eine beachtliche Ignoranz an den Tag. Frau Lieberknecht etwa, die Thüringer Ministerpräsidentin, lässt zumeist nicht einmal den Eingang der Post bestätigen. Da haken wir nach. Wir versuchen alles Mögliche, um uns Kontakte zu Politikern zu verschaffen. Steffen Flath, der sächsische CDU-Fraktionschef, hat einst bei einem Mitglied unseres Vereins studiert. Flath hat sich für uns eingesetzt. Sie glauben gar nicht, in wie vielen Politikerbüros ich schon gesessen habe.

ZEIT: Hartnäckige Kampagnen kennt man von Organisationen wie Attac oder von Anti-NSA-Aktivisten. Dass so etwas von emeritierten Hochschulprofessoren kommt, ist eher selten.

Enderlein: Da haben Sie recht, aber es ist keine Frage des Alters, für seine Interessen zu kämpfen. Von den Jüngeren könnten wir uns jedoch ein paar Strategien abschauen, wie man auf sich aufmerksam macht. Darf ich fragen: Kennen Sie vielleicht einen geeigneten Marketingexperten für uns?

ZEIT: Spontan leider nicht.

Enderlein: Wissen Sie, nahezu alle Politiker haben uns bescheinigt: Ja, ihr Professoren werdet unfair behandelt, es muss dringend eine Lösung gefunden werden. Johannes Beermann, Sachsens Staatskanzleichef, sprach sogar von einem politischen Fehler.

ZEIT: Hat er das öffentlich gesagt?

Enderlein: Nein, im persönlichen Gespräch. Allerdings haben viele Landespolitiker unser Dilemma erkannt und benannt. Im Jahr 2011 gab es eigens für uns eine Anhörung im Sächsischen Landtag, bei der ich sprechen durfte. Ich hatte das Gefühl, dass alle Fraktionen hinter uns standen und habe aus meinem Herzen keine Mördergrube gemacht. In der DDR hätte man mich festgenommen, wenn ich damals die Regierung so kritisiert hätte.

ZEIT: Sie haben vorhin gesagt, Sie stünden auch mit Angela Merkel in Kontakt. Was sagt denn die Kanzlerin zu Ihrem Anliegen?

Enderlein: Sie schrieb, dass eigens zur Lösung unseres Problems eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ins Leben gerufen werde – und dass sie die Sache im Auge behalten wolle.

ZEIT: Das klingt doch gut.

Enderlein: Ich habe mich über diese freundlichen Zeilen auch gefreut. Später jedoch kamen Briefe von den Beamten im Kanzleramt, die sich anders lasen. Darin wurde kein Bezug auf Merkels Brief genommen. Und die Arbeitsgruppe, von der die Kanzlerin schrieb, ist bisher nicht zustande gekommen, weil sich Bund und Länder nicht einigen konnten, wer dazu einladen müsse. Der Bund sagte: Die Länder müssen einladen, schließlich ist es ihr Problem, das gelöst werden soll. Die Länder sagten: Der Bund muss einladen, er trägt die Verantwortung für Versäumnisse im Einigungsprozess. Für mich als Wissenschaftler ist so eine Arbeitsweise unerklärlich.

ZEIT: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Enderlein: Wir lassen uns nicht unterkriegen und wenden uns verstärkt an die Öffentlichkeit. Ein Kollege aus Leipzig hat aus Protest über die geringe Altersversorgung sogar seinen Professorentitel zurückgegeben. Bei alldem müssen wir nur aufpassen, dass wir keinen Sozialneid schüren. Viele von uns bekommen im Schnitt 1700 Euro Rente – das klingt für viele Bürger nach einer Menge Geld. Hierzu müssen Sie aber wissen: Ein emeritierter Professor aus Ostdeutschland erhält im Normalfall knapp doppelt so viel, einer aus dem Westen beinahe das Dreifache.

ZEIT: Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, Sie sollten nicht so viel jammern?

Enderlein: Der Vorwurf schwingt manchmal mit, dem muss man etwas entgegensetzen. Noch mal: Wir haben an den Universitäten die Aufbauarbeit geleistet. Und ich habe eigentlich wenig gejammert in meinem Leben. Aber Wissenschaftler sind beharrlich und Fehlschläge gewohnt. Es ist meine Art, etwas zu Ende zu führen, was ich begonnen habe.