DIE ZEIT: Frau Göring-Eckardt, die Linken-Abgeordnete Sevim Dağdelen nannte Sie kürzlich in einer Bundestagsdebatte über die Ukraine eine "Verbrecherin". Woher kommt dieser Hassausbruch der Linken gegen Grün?

Katrin Göring-Eckardt: Es gibt eine große Gruppe bei den Linken, mit Sahra Wagenknecht an der Spitze, die hat sich in ihrem Weltbild fest eingemauert. Sie denkt in Kategorien des Kalten Kriegs und glaubt, man müsse sich zum Beispiel im Konflikt um die Ukraine auf eine Seite schlagen. Sie schaffen es nicht, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wenn den Grünen – aber auch der SPD und der Union – vorgeworfen wird, Faschisten zu unterstützen, dann ist wirklich Schluss mit lustig. Das ist keine normale Auseinandersetzung mehr, auch kein ideologischer Streit, den es ruhig mal geben darf. Dann ist eine Grenze überschritten.

ZEIT: Gerade sind Berichte aufgetaucht, wonach auch unter der neuen Parteiführung wieder Dossiers über Genossen angelegt worden seien. Was ist das für eine Partei?

Göring-Eckardt: Die Linke, das sind mindestens zwei Parteien. Es gibt da vernünftige Leute, mit denen ich parlamentarisch sehr gut zusammenarbeiten kann. Die machen Vorschläge, die unseren Ideen sehr nahe sind. Was Halina Wawzyniak zu Flüchtlingen oder Überwachung sagt, kann ich größtenteils unterschreiben. Und dann gibt es eine andere Gruppe, die sich bewusst außerhalb aller Verabredungen bewegen will. Die wollen nicht mit uns zusammenarbeiten, sondern, im Gegenteil, das möglichst grundsätzlich sabotieren. Dass sie sich jetzt auch unter einer Realo-Parteiführung offenbar wieder gegenseitig bespitzeln, finde ich zumindest überraschend – aber das muss die Linke intern klären.

ZEIT: Wäre eine rot-rot-grüne Regierung spätestens an der Ukraine-Frage zerbrochen?

Göring-Eckardt: In der Ukraine-Frage gäbe es ganz offensichtlich keine Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Es geht hier gar nicht um das "Russland verstehen" – das tun wir auch, gerade wenn wir uns mit Bürgerrechtlern treffen. Aber Putin unterstützen – ein homophobes, ja quasi-diktatorisches Regime –, das kann damit nicht gemeint sein. Wir haben schon immer gesagt, dass die Linke für ein Bündnis erst einmal vieles klären muss, vor allem in der Außenpolitik: UN-mandatierte Einsätze, Nato-Mitgliedschaft und so weiter. Am Beispiel Ukraine sieht man jetzt, wie gravierend die Unterschiede sind.

ZEIT: Also ist Rot-Rot-Grün tot?

Göring-Eckardt: Auf Bundesebene sehe ich das derzeit wirklich nicht. Ich bedaure das eher, als dass ich mich freute. Grüne Eigenständigkeit muss heißen, realistische Optionen zu haben. Aber noch ist ja nicht 2017.

ZEIT: Aber wie soll die Linke in nur drei Jahren all das abräumen, was Sie selbst gerade wieder erlebt haben?

Göring-Eckardt: Das ist Aufgabe der Linken. Sie muss sich entscheiden, ob sie regieren will oder nicht.

ZEIT: Auch in Thüringen schließen Sie ein Bündnis nicht aus?

Göring-Eckardt: In Thüringen ist die Linke eine sozialdemokratische Partei mit SED-Vergangenheit. Sie hat sich mit dieser Vergangenheit auseinandergesetzt, auch mit der einzelner Abgeordneter. Heute machen sie klassisch sozialdemokratische Politik. Das macht es übrigens der SPD besonders schwer. Es gibt also keinen Grund, da über eine Zusammenarbeit nicht nachzudenken.

ZEIT: Aber was Bodo Ramelow mit Sahra Wagenknecht eint, ist ein Antikapitalismus, dessen Kehrseite ein Mangel an Liberalität ist.

Göring-Eckardt: Jemand wie Bodo Ramelow will einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, keine Revolution. Aber, ehrlich gesagt, eine grüne Partei, die angesichts des Klimawandels und der knapper werdenden Rohstoffe keine Systemfragen stellt, wäre doch auch fehl am Platze. Wachstum, Verteilung, Energiewende, das erfordert neues Denken. Eine Umweltpartei kommt an so etwas doch gar nicht vorbei – und auch Ökonome und verantwortungsvolle Unternehmen nicht.

ZEIT: "Systemfragen stellen" – ohne Vorschriften wird das nicht gehen. Gleichzeitig wollen viele Grüne die FDP beerben, und zwar nicht nur in Sachen Bürgerrechte, sondern auch in der Staatsauffassung und der Wirtschaftspolitik. Wie geht das zusammen?

Göring-Eckardt: Ein Erbe des Liberalismus haben wir längst angetreten. Freiheit werden wir allerdings grün definieren, mit den Grundwidersprüchen, die daran hängen. Eine Partei der Bürgerrechte, der Freiheit und der Ökologie wird sich um liberale Werte ebenso kümmern wie um die Freiheit kommender Generationen, auch noch über ihr Leben frei entscheiden zu können. Und ganz anders als bei der FDP ist für uns Freiheit nicht denkbar ohne die soziale Frage – national wie global.