Man merkt sofort, dass etwas los ist. Man weiß nur nicht, was. Wenn der Schauspieler Heiner Lauterbach in den ersten Szenen von Harms in einer Gefängniszelle sitzt, wenn er durch die Fluchten mit dem Metallboden geführt wird, wenn er Wärter und Mitgefangene anblickt, dann geht von dem wortkargen Mann eine Schwerkraft aus, die das Kinobild fast zum Implodieren bringt. Sechzehn Jahre lang hat Harms gesessen. Dreizehn davon, weil er seinen Freund und Komplizen nicht verraten hat. Vor seiner Entlassung begleicht er noch eine offene Rechnung im Duschraum der Haftanstalt. Es braucht nur einen Blickwechsel, dann wälzen sich nackte blutende Männerkörper auf verkalkten Anstaltsfliesen. Es sind Szenen einer schnellen, unberechenbaren, schmutzigen Gewalt. Die Gewalt, egal, ob sie mit Fäusten, Messern oder Feuerwaffen ausgeübt wird, ist in diesem Film immer schnell, unberechenbar und schmutzig.

Als sei Heiner Lauterbach ein Geistesbruder von Jean Gabin

Man könnte sagen, dass Heiner Lauterbach noch nie so gut war wie in der Rolle des Verbrechers Harms, der nach seiner Entlassung sofort ein neues Verbrechen plant. Aber damit würde man es sich ein bisschen einfach machen. Eher erfindet sich der Schauspieler Heiner Lauterbach hier nach fast hundert Filmen und vier Jahrzehnten im deutschen Film- und Fernsehgewerbe noch einmal neu, mit Walross-Schnurrbart, einer in sich verbunkerten Körperlichkeit und einem misstrauischen Schweigen. Dass Lauterbach dieses existenzielle Schweigen so überzeugend und einsam durch den Film trägt, als sei er ein Geistesbruder von Jean Gabin und Lino Ventura, hängt sicherlich damit zusammen, dass Harms auf ganz besondere Weise sein Projekt ist. Gemeinsam mit dem Regisseur Nikolai Müllerschön hat er die Gangstergeschichte entwickelt, geschrieben und produziert. Ganz ohne Filmförderung und Fernsehgelder, auf eigenes Risiko, mit einer Handvoll befreundeter Schauspieler: Axel Prahl, Martin Brambach, Friedrich von Thun, André Hennicke, Helmut Lohner.

Man könnte Harms noch einen zweiten Titel geben: Zwei Vollprofis scheren aus. Nikolai Müllerschön, Jahrgang 1958, hat seinen Platz als Autor, Produzent und Regisseur (Der rote Baron) zwischen seinem Arbeitsland Deutschland und seinem Wohnsitz Los Angeles gefunden. Heiner Lauterbach, Jahrgang 1958 – ist Heiner Lauterbach. Und jetzt drehen die beiden in einer Kinolandschaft, in der klassische Gangsterfilme eigentlich keine Chance haben (siehe Interview auf dieser Seite), einen "Jungsfilm", ohne sich von irgendjemandem reinreden zu lassen. Dass die zwei es einfach wissen wollten, dass hier etwas durchgezogen wurde, spiegelt sich auch in einer inhaltlichen Härte und formalen Rauheit auf der Leinwand wider.

Endlich begegnet man in einem deutschen Film undurchsichtigen, zwiespältigen, rätselhaften Figuren. Sie treffen sich an wunderbar abgerockten Schauplätzen, vor Würstchenbuden auf einer Brache, auf Großmarktparkplätzen, in verranzten Imbissrestaurants, im Hotelzimmer mit Resopalbett. Diese Unorte, an denen Harms alte und neue Komplizen sucht, um seinen Coup – den Überfall auf die Bundesbank – zu organisieren, befinden sich mitten in München, aber sie werden eher zur Chiffre einer allgemeinen Randständigkeit. Hier scheint niemand zu der Gesellschaft zu gehören, die Axel Prahls Figur einmal, beim Waffenreinigen, mit dem demütigenden Gang zur Hartz-IV-Behörde beschreibt. Und es scheint, als passe sich der Film auch der kommunikativen Ökonomie seines Milieus an, in dem nicht viele Worte gemacht werden. Hier wird geblickt, registriert, abgecheckt, gelauert. Die Kamera bewahrt dabei fast immer eine unheimliche konzentrierte Ruhe, lässt das Bild immer noch einen abwartenden Augenblick stehen, aber keine Sekunde zu lang. Auch nicht im Hotelzimmer, wenn Harms im Bett mit der Prostituierten Jasmin (Valentina Sauca) für einen winzigen Moment seine Verpanzerung zu lösen, seine Deckung aufzuheben scheint.

Harms, dieses manchmal melancholische, dann wieder bewusst trashige Genrestück, ist ein beinharter Monolith in der deutschen Kinolandschaft. Aber mit ihrer Chuzpe und sich selbst befeuernden Begeisterung, die an Förderanträgen vorbei und über alle Sicherheitsnetze hinweg zum Set stürmt, sind Heiner Lauterbach und Nikolai Müllerschön in bester Gesellschaft. Quer durch die Genres und Budgets versuchen deutsche Filmemacher ihre Visionen und ihre Idee vom Kino möglichst direkt und unvermittelt auf die Leinwand zu bringen. Erst kürzlich wurde Love Steaks von Jakob Lass, ein Abschlussfilm der Potsdamer Filmhochschule, auf Festivals mit Auszeichnungen überhäuft, für den Deutschen Filmpreis nominiert und von der Branche bestaunt. Auch diese wilde Liebesgeschichte zwischen einem Masseur und einer Küchenauszubildenden, angesiedelt in einem Luxushotel in Ahrenshoop, entstand ohne Förder- und Fernsehgelder. Und auch hier findet sich auf der Leinwand eine rohe Energie, eine Wut auf langweilige, hierarchische, festgeschriebene Lebensbahnen. Die einen attackieren ihre Arbeitswelt mit exzessivem Sex und exzessivem Alkoholkonsum (Love Steaks), die anderen begegnen der Mühle der Hartz-IV-Existenz mit Schnellfeuerwaffen (Harms). Zu den "Förderflüchtlingen" gehört auch Axel Ranisch, eine Art Selfmademan, der mit liebevoll durchgeknallten Filmen wie Dicke Mädchen und Reuber einen Sonderweg zwischen seiner Herkunft in Berlin Lichtenberg und Selbstfindungsgeschichten gefunden hat. Harms, Love Steaks und Reuber feierten ihre Premieren allesamt auf dem Münchner Filmfest, das in diesem Jahr passenderweise den Regisseur Klaus Lemke, den Übervater des deutschen No- und Low-Budget-Films, mit einer Hommage ehrt. Seit Jahrzehnten produziert Lemke seine rauen Stadt- und Genrefilme (48 Stunden bis Acapulco, Rocker, Berlin für Helden) in Eigenfinanzierung, zahlt seinen Laiendarstellern kleine Tagesgagen, verkauft hin und wieder ein fertiges Werk ans Fernsehen und wettert ansonsten in Manifesten gegen die Filmförderung: "13 Jahre Staatskino unter Adolf und die letzten 40 Jahre staatlicher Filmförderung haben dazu geführt, dass der deutsche Film schon in den siebziger Jahren auf Klassenfahrt in der Toskana hängen blieb."