DIE ZEIT: Herr Lauterbach, Herr Müllerschön, warum haben Sie für Ihren Film Harms keine Filmförderung beantragt?

Heiner Lauterbach: Wir hatten bei einem anderen Projekt unsere gemeinsame Liebe zum Gangsterfilm entdeckt und dann spontan beschlossen, ganz schnell einen solchen Film zu drehen. Es wäre also gar nicht mehr genug Zeit für die Anträge gewesen. Außerdem war uns klar, dass ein Gangsterfilm bei der deutschen Filmförderung keine Chance hat.

ZEIT: Warum nicht?

Nikolai Müllerschön: Weil es bei uns eine merkwürdige Scheu gibt, Geschichten aus dem Unterbauch der Gesellschaft zu erzählen. Dabei gibt es hier so viele Banküberfälle wie in England und so volle Gefängnisse wie in Frankreich. Aber im Unterschied zum gesamten westlichen Ausland, einschließlich der USA, wird im deutschen Film das Dunkle, Verbrecherische, Böse negiert. Eine Serie wie House of Cards über die Abgründe der amerikanischen Politik mit durchweg negativen, egoistischen, berechnenden Figuren wäre hier nicht möglich.

Lauterbach: Oder eine Heldengeschichte, erzählt aus der Perspektive der Verbrecher.

ZEIT: Hat die Angst des deutschen Kinos vor dem Gangsterfilm damit zu tun, dass dieses Genre bei uns seit Jahrzehnten vom Fernsehen besetzt wird?

Müllerschön: Aber eben nur in Form des Polizeithrillers, der nur die Seite der "Guten" erzählt. Und der bei seinen Figuren selten Gebrochenheit zulässt, kaum Grauzonen. Der deutsche Krimi ist der Krimi der Polizisten. Und da geht es meistens anständig zu. Wenn der Kommissar seine Freundin mal in Szene vier anschreit, dann ist klar, dass er sich in Szene fünf wortreich dafür entschuldigt.

ZEIT: Hat der Regisseur Dominik Graf nicht gezeigt, dass es auch anders geht? In seiner Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens gibt es korrupte Polizisten und glamourös-brutale russische Gangster.

Lauterbach: Dominik Graf ist in der deutschen Kinolandschaft eine große Ausnahme. Sein Bankraub-Thriller Die Katze von 1988 mit Götz George als Bankräuber und Identifikationsfigur war meines Wissens der letzte deutsche Gangsterfilm, der im Kino funktioniert hat. 1,3 Millionen Zuschauer. Danach war Schluss. Und daher haben wir auch gar nicht erst auf die Filmförderung gesetzt, die sich ja eher auf andere Formate verlässt oder auf Muster, die immer wieder funktionieren. Im Moment sind es zum Beispiel die feel good– Komödien.

ZEIT: Wie haben Sie Ihr Budget von 2,5 Millionen Euro zusammenbekommen?

Müllerschön: Leicht war es nicht. Unser Hauptfinanzierungspartner ist zwei Wochen vor Drehbeginn abgesprungen. Es hat überhaupt nur funktioniert, weil alle Beteiligten, das ganze Team, vom Fahrer über den Kameramann bis zu den Hauptdarstellern bereit waren, für 1000 Euro pro Woche zu arbeiten, also mit dem Großteil ihrer Gagen mit uns gemeinsam ins Risiko zu gehen. Dem Geist des Projekts hat das natürlich sehr genützt.

ZEIT: Das klingt nach Frühkommunismus ohne Funktionäre.

Müllerschön: Eher vielleicht wie Frühkapitalismus. Man glaubt an eine Idee und investiert die eigene Arbeit und Begeisterung. Allein Dank der Verkäufe an zwei Privatsender werden wir die Lohnrückstellungen schon teilweise ausgleichen können. Und übrigens, die Tatsache, dass unser Film einerseits auf Festivals läuft und andererseits an private, also kommerziell orientierte Sender verkauft worden ist, nehmen wir als großes Kompliment, weil er eine Brücke zwischen diesen beiden Welten schlägt.