DIE ZEIT: Sie sind bei Daimler im Vorstand für Integrität und Recht zuständig. Und Ihr Konzern gilt neuerdings als Vorreiter für Korruptionsbekämpfung oder, in der Businesssprache, Compliance. Welchen Anteil haben die US-Justizbehörden daran, dass sich der deutsche Autobauer gewandelt hat?

Christine Hohmann-Dennhardt: Das Verfahren in den USA war für uns Anlass, die Prozesse und Strukturen unseres Compliance-Systems auf den Prüfstand zu stellen. Dabei haben die US-Justizbehörden und der uns zur Seite gestellte "Monitor" kritisch beobachtet, wie wir in Zukunft sicherstellen, dass Korruption bei Daimler keine Chancen mehr hat. Den Plan, um das zu erreichen, haben wir aber nach eigenen Vorstellungen entwickelt und umgesetzt. Für uns war bedeutsam: Die Regeln und Instrumente der Compliance können erst dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie auf Werthaltungen beruhen, die von unserer Mitarbeiterschaft geteilt und akzeptiert werden. So wichtig die Vorgabe von Normen auch ist, noch wichtiger sind verantwortungsbewusste Mitarbeiter mit integrer Einstellung, die überzeugt davon sind, dass sich rechtschaffenes Verhalten auf Dauer auszahlt. Dieser eigene Weg hat Erfolg gezeigt, wir verfolgen ihn deshalb weiter.

ZEIT: Seit 2006 nahmen die US-Justizbehörden Daimler unter die Lupe. Es ging um Korruptionsfälle in anderen Ländern, die teilweise lange zurücklagen. Im Jahr 2010 hat Daimler dann einer Strafzahlung von 185 Millionen Dollar zugestimmt und akzeptiert, dass der ehemalige FBI-Chef Louis Freeh als Monitor überwachte, ob der Konzern die Antikorruptionsregeln auch einhielt. Sie haben zwei Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet. Wie schwierig war es, amerikanische Vorstellungen und deutsche Regeln in Einklang zu bringen?

Hohmann-Dennhardt: Die Expertise von Louis Freeh war für mich stets sehr hilfreich. Dabei fanden unsere Gespräche von Beginn an auf gleicher Augenhöhe statt und waren fair und offen auch dann, wenn es unterschiedliche rechtliche Sichtweisen gab. In konstruktiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit haben wir aber letztlich immer eine Einigung erzielen können – auch darin, dass Compliance für uns bedeutet, das deutsche Recht auch dort zu achten, wo es, wie etwa beim Datenschutz, Untersuchungen an strengere Voraussetzungen als das amerikanische Recht bindet. Unser gutes Verhältnis zueinander erklärt, dass wir Louis Freeh nach Ende seines monitorship gebeten haben, Mitglied unseres Beirats für Integrität und Unternehmensverantwortung zu werden.

ZEIT: Daimler war ja nicht das einzige Unternehmen, das Druck von den US-Behörden bekam. Das massive Eingreifen bei Siemens hat die international tätigen deutschen Unternehmen insgesamt damals gehörig aufgeschreckt. Hatten die Deutschen die Nachhilfe der Amerikaner in Sachen Korruptionsbekämpfung nötig?

Hohmann-Dennhardt: Nachhilfe nicht gerade, aber man muss zugestehen, dass der rechtliche Kampf gegen im Ausland begangene Korruption von den USA früher aufgenommen wurde. Und die Idee, dass Compliance die Korruption nicht nur bekämpft, sondern auch von vornherein verhindern kann, kam von dort. Allerdings hat die Forderung generell nach regelkonformem, rechtschaffenem Verhalten eine lange Tradition bei uns in Deutschland und Europa – denken Sie nur an den Begriff des "ehrbaren Kaufmanns". Er erfährt mittlerweile eine Renaissance. Gut so.

ZEIT: Das deutsche Recht unterscheidet sich grundsätzlich vom amerikanischen ...

Hohmann-Dennhardt: ... ja, es gelten an vielen unserer Standorte andere Gesetze als hier. Diese nationalen Gesetze müssen wir einhalten. Wo aber unsere Gesetze höhere Anforderungen stellen, richten wir in der Regel unsere Standards konzernweit danach aus. So haben wir Konzernrichtlinien zum Datenschutz, die an allen Daimler-Standorten verbindlich sind, es sei denn, das nationale Recht im jeweiligen Land stellt noch höhere Anforderungen.

ZEIT: Neuerdings werden wieder Vorwürfe laut, dass die amerikanischen Behörden bei Vorwürfen gegen ausländische Unternehmen besonders streng vorgingen, auch zum Vorteil ihrer eigenen Wirtschaft. Teilen Sie diesen Eindruck aus Ihren Erfahrungen?

Hohmann-Dennhardt: Ich kann diesen Eindruck nicht bestätigen. Im Übrigen ist es müßig, sich bei Rechtsübertretungen zu beschweren, dass andere Unternehmen möglicherweise besser davongekommen sind. Das ändert nichts an der Tatsache, selbst Unrecht begangen zu haben. Dies in eigenen Reihen nicht mehr geschehen zu lassen, das sollte der Antrieb von Unternehmen sein. So sehen wir das jedenfalls bei Daimler – und verfahren auch danach.