Die Geschichte von Sergeant Bowe Bergdahl, der fünf Jahre in Gefangenschaft der Taliban verbrachte und nun im Austausch gegen fünf ihrer Stammesgenossen freigelassen wurde, erinnert an die amerikanische Fernsehserie Homeland. Wie der TV-Held Nicolas Brody, der als Gefangener der Islamisten vielleicht zum Konvertiten geworden ist, steht Bergdahl unter Verdacht. Ehemalige Kameraden berichten, dass er sich vor seiner Gefangennahme 2009 auf eigene Faust von seinem Platoon entfernt hatte. Bergdahl sei ein Außenseiter gewesen, der sich in Bücher vertieft habe, darunter solche zum Erlernen von Paschtu und Arabisch. Der Hinweis darauf, er sei bookish, ein Bücherwurm, klingt in diesen Berichten wie die Diagnose eines miesen Charakters.

Warum behandelt Obama den mutmaßlichen Deserteur nun aber wie einen verlorenen Sohn? An der Seite der Eltern Bergdahls verkündete der Präsident dessen Freilassung. Vater Bob hat sich mittlerweile einen nach paschtunischer Art wuchernden Bart wachsen lassen und die Sprache der Taliban gelernt, auf Paschtu sprach er den Sohn an. Das Lächeln, durch das Obama dieser Szene seinen Segen gab, erscheint nur auf den ersten Blick gewagt.

Es steht in urpatriotischer Tradition: Die amerikanische Identität ist ein Amalgam disparater Einzelheiten. Der Geschichtsmythos des frontier, des Grenzgangs, durch den sich die Nation from coast to coast gebildet und ihrer europäischen Abstammung entledigt hat, wendet Ausrottungen und Zerstörung in das Abenteuer einer magischen Anverwandlung von Natur und Indianern. Dass die Wildnis selbst der schamanistische Zeremonienmeister dieser Wandlung ist, besang im Jahr 1893 der Historiker Frederick Jackson Turner. "Die Wildnis", schrieb er, "reißt dem Einwanderer seine zivilisierte Kleidung vom Leib und steckt ihn in ein Jagdhemd und in Mokassins. Zwar wird der Einwanderer diese Wildheit allmählich wieder abstreifen, aber er ist von nun an kein Mensch des alten Europas mehr. Er ist tatsächlich etwas Neues: ein Amerikaner."

Bergdahl ist ein wahrer Amerikaner, gerade durch die Selbstauswilderung, die ihn in die Arme der Taliban trieb. In seinem Elternhaus in den Rocky Mountains soll es 5000 Bücher gegeben haben, aber kein Telefon. Und weil Barack Obama der Präsident aller Amerikaner ist, kann er Bowe Bergdahl, Sohn von Bob Bergdahl und Enkel von Henry Thoreau, nur lächelnd in die Arme schließen.