Manuela Better hatte über viele Monate hinweg gekämpft, doch an einem Dienstag im Mai war ihr Scheitern besiegelt. Better war Vorstandschefin der Skandalbank Hypo Real Estate (HRE), die einst mit vielen Milliarden vom Steuerzahler aufgefangen werden musste. An jenem Dienstag entschied eine Runde aus Vertretern mehrerer Bundesministerien, des Kanzleramts und der Länder über die Zukunft der HRE-Tochterbank Depfa mit Sitz in Dublin. Es ging um die Frage, was mehr Geld bringt: ein Verkauf oder die Abwicklung? Better war zeitweise zugeschaltet und plädierte wieder einmal für den Verkauf – doch die Runde entschied, die Depfa abzuwickeln und zu schließen. Vergangene Woche dann trat Better zurück.

Die Entscheidung ist über das irische Institut hinaus von Bedeutung. Der deutsche Staat hat in der Krise ein ansehnliches Portfolio an Bankbeteiligungen erworben – die Gegenleistung für die Steuergelder, die in die Banken gesteckt wurden. An der Commerzbank ist der Bund beteiligt, die HRE gehört ihm ganz, ein ganzer Berg an Schrottpapieren der HRE wurde genau wie die Problempapiere der WestLB in eine staatseigene Abwicklungsanstalt ausgelagert. Insgesamt geht es um ein Bilanzvolumen von mehr als 200 Milliarden Euro.

Wie viel der Steuerzahler von seinem Geld wiedersehen wird, hängt auch davon ab, wie der Bund mit dem Vermögen umgeht. Schweden etwa gelang es Ende der neunziger Jahre, die Auslagen für die Sanierung seiner Banken fast komplett wieder hereinzuholen. Das wird in Deutschland, speziell bei der HRE, kaum möglich sein, denn allein durch den Schuldenschnitt in Griechenland hat die Bank rund neun Milliarden Euro verloren. Aber aus Sicht der Politik zählt jede Million. Und der nächste Kandidat ist bereits ausgemacht: Bald soll entschieden werden, was mit der Deutschen Pfandbriefbank (PBB) geschehen soll. Die PBB ist der letzte noch verbleibende Teil der HRE mit einer Bilanzsumme von rund 75 Milliarden Euro. Bislang lief alles auf einen Verkauf hinaus, aber so sah es bei der Depfa auch lange aus.

Während der schwarz-gelben Koalition galt die Devise, dass sich der Staat aus dem Bankensektor zurückziehen solle – je früher, desto besser. Vor allem das von der FDP geführte Wirtschaftsministerium wollte die Beteiligungen schnell wieder loswerden. Der Bund als Eigentümer von Banken – das ist für Liberale ein Verstoß gegen eherne Prinzipien.

Entsprechend verschnupft reagierte man in der Bundesregierung, als ein eigens vom Finanzministerium eingesetzter Expertenrat im Jahr 2011 empfahl, eine Abwicklung der gesamten HRE-Gruppe "sehr ernsthaft in Betracht zu ziehen". Die Wissenschaftler bezweifelten stark, dass eine Veräußerung tatsächlich mehr bringe als die Abwicklung.

Trotz ihrer Warnungen wurde 2013 der Verkauf der Depfa eingeleitet. Interessenten analysierten die Bank, in diesem Frühjahr kristallisierte sich das amerikanische Finanzhaus Leucadia als Käufer heraus. Ein Vertrag wurde ausgehandelt. Darin stand offenbar schon ein Kaufpreis: 320 Millionen Euro. Nur noch die Unterschrift habe gefehlt, sagt ein Insider. Doch dann zog der Bund den Stecker – zur Überraschung fast aller Beobachter.

Warum?

Noch während des Verkaufsprozesses wurde der Bundestag neu gewählt. Die FDP flog raus, die Sozialdemokraten übernahmen das Wirtschaftsministerium – und die sehen die Verkaufspläne schon seit Langem kritisch. Für sie geht es weniger um ordnungspolitische Grundsatzfragen, sondern darum, wie sich aus den Bankbeteiligungen am meisten Geld für den Steuerzahler herausholen lässt.

Eine Schlüsselrolle in dieser Entscheidung spielt Carsten Schneider, der für Finanzen zuständige stellvertretende Fraktionschef der SPD. Schneider hatte sich in der Vergangenheit immer wieder für eine Abwicklung ausgesprochen – mit dem Argument, dass die für den Bund aussichtsreicher sei. Er konnte SPD-Parteichef Sigmar Gabriel überzeugen, den neuen Wirtschaftsminister und Vizekanzler.

Die beiden trafen kaum auf Widerstand – von Better abgesehen. Einige Fachleute im Bundesfinanzministerium tendierten in Richtung Verkauf, Wolfgang Schäuble aber hatte sich nicht festgelegt. Er wollte wegen der Depfa keinen Koalitionskrach riskieren – zumal auch das Kanzleramt sich nicht eindeutig positioniert hatte. So wurden die Verkaufspläne in der Sitzung vom 13. Mai schließlich verworfen.

In den kommenden Monaten wird die Depfa auf die Abwicklungsanstalt FMS Wertmanagement übertragen, die von der Finanzmarkstabilisierungsanstalt des Bundes überwacht wird. Für deren Chef Christopher Pleister ist die Entscheidung ein Erfolg: Der Zuschlag sichert seinem Haus auf Jahre hinaus Einfluss, denn zum Portfolio der Depfa gehören auch Papiere, die erst in einem Vierteljahrhundert fällig werden.

Pleisters Haus hatte für den Bund die Vorlage geliefert. Vor etwa eineinhalb Jahren wurden mithilfe externer Gutachter erste Überlegungen angestellt und – noch holzschnittartige – Szenarien entwickelt. Erst im Herbst des vergangenen Jahres dann ließ die Anstalt durch die französische Großbank BNP Paribas ein Gutachten erstellen. Es war abgesichert durch eine zweite Expertise und rechnete die Abwicklung erstmals ganz konkret durch. Parallel prüfte die FMS Wertmanagement die Idee einer Abwicklung unter ihrem Dach – auch ihre Einschätzung wurde durch weitere externe Gutachter unter die Lupe genommen.