Billy zieht zu mir – Seite 1

Ich zog im Frühling 2010 in den Lawaetzweg, ein Zimmer, Küche, Bad, Erdgeschoss links, 36,42 Quadratmeter plus Balkon. Ich übernahm die Wohnung von einer Kollegin, die nach Frankfurt zog. "Aber denk dran", sagte sie zu mir, "Ikea kommt bald."

Zu einer Zeit, als ich noch nicht in Hamburg wohnte, hatte der schwedische Möbelkonzern entschieden, seine erste deutsche Innenstadtfiliale in Altona zu eröffnen. Sie würde auf einer fußballfeldgroßen Fläche zwischen der Großen Bergstraße und dem parallel verlaufenden Lawaetzweg gebaut werden – direkt vor meiner neuen Haustür. Es hatte eine Menge Streit deshalb gegeben, sogar einen Bürgerentscheid.

Von alldem hatte ich nichts mitbekommen. Ich war froh, eine bezahlbare Wohnung in zentraler Lage zu haben. Längst verzweifelten Freunde mit besten Jobs und Gehältern am Hamburger Wohnungsmarkt. Als ich umzog, war im Fenster des Nachbarn noch der Protest gegen Ikea plakatiert. "Das Leben ist kein Möbelhaus", las ich, "Nein zu Ikea". Daran vorbei schleppte ich Pax und Billy, Malm und Expedit in meine Wohnung. Wie lange konnte es schon dauern, eine Ikea-Filiale hochzuziehen?

"Zwei, drei Jahre auf jeden Fall", sagte der Ingenieur, der meine Wohnung besichtigte. Ikea hatte ihn beauftragt. Per Post war ein Schreiben gekommen: "Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist nicht auszuschließen, dass durch die Baumaßnahmen an den Nachbarbebauungen Schäden auftreten können." Der Ingenieur diktierte den noch schadenfreien Zustand meiner Wohnung in sein Aufnahmegerät, ich googelte "Ikea Altona". Lange nachdem der Ingenieur gegangen war, las ich immer noch.

Die Große Bergstraße war in den siebziger Jahren eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands gewesen, das Einkaufszentrum Frappant in ihrer Mitte zog Besucher aus ganz Hamburg an. Als 2003 Karstadt als letzter Mieter ausgezogen war, erinnerte der Betonklotz nur noch daran, dass es mal bessere Zeiten für die Gegend gegeben hatte. Gehalten hatten sich ein Reisebüro und ein Teeladen, einige Döner-Buden und Gemüsehändler, ein Woolworth, Wettläden und Ein-Euro-Shops. Was mir besser gefiel als die durchsanierte Gemütlichkeit von Stadtteilen wie Eppendorf oder dem Schanzenviertel, war für andere ein Problembezirk, ein Schandfleck.

Vor meiner Haustür ging es um viel mehr als um den Bau einer Ikea-Filiale. Es ging, je nach Meinung, um die letzte Chance für einen sterbenden Stadtteil oder um den rücksichtslosen Gentrifizierungsplan des Bezirks, der aus einem ehrlichen Viertel eine luxussanierte Geldgrube machen wollte. Es ging, anders ausgedrückt, nicht um Ikea selbst, sondern um den Ikea-Effekt. Einig waren Gegner und Befürworter sich nämlich darin, dass der Bau des Möbelhauses schnell andere Investoren nachziehen würde und der Stadtteil sich verändern würde.

Nachdem Karstadt 2003 aus dem Frappant-Haus ausgezogen war, suchte der Bezirk verzweifelt nach einem neuen Investor für das Gebäude. Immer wieder gab es Interessenten, immer wieder sprangen sie ab. CDU-Politiker fädelten schließlich ein Treffen mit Ikea-Vertretern ein. Das war 2008. Die beiden Expansionschefs des Unternehmens waren erst einmal wenig begeistert von der Fläche: Viel zu klein, und wie sollte man da mit dem Auto hinkommen?

Doch so dringend, wie der Bezirk nach einem Investor suchte, wollte Ikea, nach Moorfleet und Schnelsen, endlich eine dritte Filiale in Hamburg eröffnen. Deutschland ist weltweit der umsatzstärkste Markt für Ikea, der Bedarf nach billigen Möbeln ist gerade in Großstädten riesig. Das Unternehmen hatte sich bereits zehn Flächen in Hamburg angeguckt. Ikea entschied: Wir nehmen das Grundstück.

Sobald das bekannt wurde, begannen Gegner, Unterschriften für einen Bürgerentscheid zu sammeln. 150 Künstler würden ihre Ateliers räumen müssen. Die Künstler gegen das Kapital, da war er wieder, der bekannte Konflikt.

Die IKEA-Gegner befürchteten ein zweites Ottensen

Die Ikea-Gegner, das waren die Partei Die Linke, Bürgerinitiativen und ein Teil der Anwohner. Für sie war klar, was dem Viertel bevorstand: Mietwucher. Bald würden sich nur noch Ketten wie Douglas und H&M die Mieten leisten können, die Großen würden die Kleinen vertreiben. Die Wohnungspreise würden explodieren. Bald wäre die Große Bergstraße ein zweites Ottensen.

Auch ich meinte, dass Hamburg nicht noch einen Stadtteil brauchte, in dem sich nur Besserverdiener die Mieten leisten konnten. Es gab genug Viertel, in denen MacBook-Kreative die Szene-Cafés und Bugaboo-Mütter die Bürgersteige verstopften. Wenn ich Freunde in Eppendorf besuchte, hatte ich auf dem Weg nach Hause jedes Mal das Gefühl, aus einer Wohlstandsblase ins wirkliche Leben zurückzufahren. Deshalb würde ich die Frage "Gentrifizierung: ja oder nein?" normalerweise mit Nein beantworten.

Aber so gut sich der schwedische Möbelgigant mit seiner Massenware auch als kapitalistischer Widersacher eignete, so kompliziert war alles andere. Die Rollen im Gentrifizierungsdrama waren viel weniger klar verteilt, als die Kritiker es darstellten.

Es war nicht nur der Bezirk, der Ikea nach Altona holen wollte. Unterstützung für Ikea kam ausgerechnet von jenen kleinen Läden in der Großen Bergstraße, die in der Regel als Gentrifizierungsopfer gelten würden. Statt sich vor dem Riesen zu fürchten, sammelten auch sie Unterschriften.

Klaus-Peter Sydow hat ein Reisebüro in der Großen Bergstraße, drei Beratungstische, viele Kataloge, an der Wand Postkarten seiner Kunden. Sydow ist einer, der empfiehlt, doch bitte nach Griechenland zu fliegen, die Leute dort würden in der Krise dringend die Einnahmen aus dem Tourismus brauchen.

Seine Mutter eröffnete das Reisebüro in den 1960ern. "Sie hat die goldenen Jahre erlebt", sagt Sydow. 1996 übernahm er das Geschäft, damals hatte er drei Mitarbeiter und einen Azubi. Dann zogen die großen Läden weg und mit ihnen die Kunden. Immer mehr seiner Nachbarn gaben auf, der Schuster und der Uhrmacher, das Käsegeschäft und der Blumenladen. Auch Sydow kämpfte. Als Ikea begann, sich für die Frappant-Fläche zu interessieren, hatte er statt der drei Mitarbeiter nur noch einen. Ein, zwei Jahre noch, schätzte Sydow, dann wäre es aus. "Das Viertel war tot", sagt er. "Ikea war unsere letzte Rettung."

Florian Kröger leitet ein Familiengeschäft in der Großen Bergstraße, sein Urgroßvater eröffnete dort vor 90 Jahren einen Krämerladen, der heute ein Geschäft für Tee, Kaffee und Wein ist. Kröger hatte damals zwar mehr Stammkunden als Sydow und sah auch Ikea als Unternehmen viel kritischer als der. Aber er brachte älteren Kundinnen mittlerweile Eier vom Toom-Supermarkt hinterm Bahnhof mit. "Es gab hier keine Nahversorgung mehr", sagt er. "Und viele Läden standen leer." Und war der marode Frappant-Klotz wirklich so schützenswert? Kröger entschied: nein.

Der türkische Gemüsehändler, das kleine Eiscafé, der Friseur: Sie alle waren für Ikea. Wenn aber die Mehrheit der kleinen Einzelhändler Ikea wollte, warum wehrte man sich dann im Viertel so gegen die Veränderung? Die Künstler hatten die Frappant-Fläche von vornherein nur zur vorübergehenden Nutzung bekommen, bis die Stadt einen Investor fand. Sie bekamen außerdem Ersatzflächen in der Altonaer Viktoria-Kaserne.

Die Ikea-Befürworter um Klaus-Peter Sydow hatten schneller die nötige Anzahl von Stimmen zusammen, um einen Bürgerentscheid zu beantragen. 77 Prozent der Bürger stimmten für Ikea. Aber noch immer bestand die Möglichkeit eines zweiten Bürgerentscheids, nämlich dessen der Gegner. Um diesen zu verhindern, griff der Senat zu einem Trick: Er evozierte. Das bedeutet, dass aus einem bezirkspolitischen Verfahren eine gesamtstädtische Angelegenheit wird. Dadurch wurde eine zweite Abstimmung der Bürger verhindert, und der Weg für Ikea war frei.

Die Veränderungen im Viertel waren da, bevor Ikea mit dem Rohbau angefangen hatte. Längst gab es einen Edeka, einen Aldi, einen Denn’s-Biomarkt und eine DM-Filiale vor meiner Haustür. Ich musste mir eingestehen, dass ich das alles praktisch fand. Am Wochenende ging ich regelmäßig zum Frühstücken in den Klippkroog, ein neues Restaurant in der Großen Bergstraße. Der Mittagstisch dort war auch sehr gut. War ich längst ein heimlicher Befürworter der Gentrifizierung? Aus Bequemlichkeit und weil mir der Salat mit Ziegenkäse so gut schmeckte?

Ich konnte es mir leisten, regelmäßig im Klippkroog essen zu gehen. Die Menschen, die schräg gegenüber in der Preis-Oase ihre Sachen kauften, konnten das wahrscheinlich nicht. Dort schuckelt man auf einer baufälligen Rolltreppe in den ersten Stock eines zweigeschossigen Siebziger-Jahre-Baus. Es gibt dort alles, und alles ist billig. Man kann Kochtöpfe und Geschenkpapier kaufen, Duschgel und Dosen-Ravioli, Tupperware und Nippes jeder Art. Überall hängen Schilder, auf denen steht: "Jeder Ladendiebstahl wird zur Anzeige gebracht!"

Die Preis-Oase ist das alte Altona. Der Klippkroog ist das neue. Ich ging viel öfter in den Klippkroog als in die Preis-Oase. Ohne es zu wollen, war ich anscheinend selber Teil des Prozesses, der aus einem gemütlichen Kiez für alle recht schnell ein überteuertes Hipster-Viertel machen könnte. Würde ich bald auch eine von denen sein, die von sozialer Gerechtigkeit redeten, aber das Gegenteil lebten? Denn wo es um die Aufwertung eines Viertels geht, geht es eben immer auch um die Vertreibung derer, die daran nicht teilhaben.

Ein türkischer Imbissbetreiber bekam die Kündigung für seinen Laden, bevor er ihn eröffnet hatte. Dann lief der Vertrag des Sanitätshauses Funcke aus. Einen neuen bekam die Inhaberin nicht. Die beiden hatten den gleichen Vermieter. Dessen Namen spuckte man in der Großen Bergstraße künftig mit einer Mischung aus Angst und Abscheu aus: Bruhn.

Ikea gibt sich sehr viel Mühe, ein guter Nachbar zu sein

Gut möglich, dass die Immobilienfirma Hermann Friedrich Bruhn am meisten am Bau von Ikea verdienen wird. Dem Hamburger Familienunternehmen gehören große Flächen um die Baustelle, darunter auch die sogenannte Bergspitze, wo jetzt noch die Preis-Oase ihre Sachen verkauft. Dort plant Bruhn ein sieben Stockwerke hohes Wohn- und Geschäftsgebäude. Die Restaurantkette Vapiano hat schon zugesagt, dort ihr viertes Hamburger Restaurant zu eröffnen. Ob die Preis-Oase wiederkommt, wenn das neue Gebäude steht? "Nein!", antwortet die Verkäuferin und guckt einen an, als ob man etwas nicht begriffen hätte. Sie reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. "Zu teuer", sagt sie.

Aus dem Familienunternehmen Bruhn flossen zwischen 2007 und 2010 insgesamt 275.000 Euro an die Hamburger CDU. Als ein Zeitungsbericht die Spenden veröffentlichte, gab es sofort neue Gerüchte bei Ikea-Kritikern, schließlich hatte die CDU sich ganz besonders für Ikea eingesetzt. Ob solche Summen wirklich reichen würden, um Politiker zu manipulieren, ist fraglich. Aber Bruhns Image war auf der Großen Bergstraße dahin.

Die Firma Bruhn hat ihren Sitz in einer Straße in Harvestehude, in der viele Gründerzeitvillen stehen und davor viele Porsche-Modelle. Der Isebek-Kanal plätschert nebenan, das Restaurant Noas verkauft Vorspeisen für 15 Euro. Kai Krahmer, Geschäftsführer der Firma, empfängt im siebten Stock des Bruhn-Büroturms. Er weiß, welchen Eindruck die Umgebung macht. Er selber wohne woanders.

Natürlich kennt er das Image der Firma Bruhn in der Großen Bergstraße. "Wir sind der böse Investor", sagt Krahmer. Er sagt allerdings auch, dass der türkische Imbissbetreiber keine Miete gezahlt habe. Und dass die Inhaberin des Sanitätshauses auf einem Kurzzeitvertrag für ihr Geschäft bestanden habe, um flexibel zu bleiben – und so etwas gelte dann eben für beide Seiten. Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte.

Krahmer zählt auch die Bestandskunden auf, die bleiben: das Eiscafé Filippi, Bruhns ältester Mieter in der Großen Bergstraße, das kleine Fitnesscenter, der Lotto-Laden, das Schuhgeschäft.

"Uns gehören die Immobilien in der Großen Bergstraße seit 50 Jahren", sagt Krahmer. Hinter seinem Schreibtisch hängt gerahmt eine Anzeige aus dem Hamburger Abendblatt von 1965. "Hermann Friedrich Bruhn vermietet folgende Objekte" steht auf der vergilbten Seite. Darunter wird auch eines jener Gebäude im Viertel angepriesen, das Bruhn gerade neu baut. Heute wirbt Bruhn im Internet für die Fläche: "Sie positionieren sich in bester Lage im neuen Altona", heißt es dort. "Wir investieren über 50 Millionen", sagt Krahmer. "Natürlich machen wir das auch, um mit den Immobilien Geld zu verdienen." Man habe in Altona aber auch lange sehr wenig verdient.

Ikea gibt sich sehr viel Mühe, ein guter Nachbar zu sein. Warum wohl?

Als Ikea Richtfest feierte, waren die Proteste verstummt. Bei der Grundsteinlegung hatten Gegner noch Flyer verteilt und ihre Kritik ins Mikro geschmettert. Mittlerweile hatten sie anscheinend aufgegeben. Vielleicht weil es sowieso zu spät war. Vielleicht auch weil sie mittlerweile bemerkt hatten, dass es schlimmer hätte kommen können als mit Ikea.

Das Unternehmen hat in Altona viel richtig gemacht in Sachen Krisenkommunikation. Es gab zahlreiche Infoveranstaltungen, zu denen der Chef des Einrichtungshauses persönlich erschien, auch zu denen der Kritiker. Ein eigener Ansprechpartner für Anwohner und Geschäftsleute kümmerte sich während der Bauphase um Probleme jeder Art, seine Handynummer stand am Bauzaun. Es gab einen Baustellen-Logistiker, der die Anlieferungen minutengenau plante, um das Verkehrsaufkommen so gering wie möglich zu halten. Um für den Staub zu entschädigen, bot Ikea an, Fenster zu putzen. Eine Frau aus meinem Haus, die mit dem Lärm nicht klarkam, wurde mit Ikea-Gutscheinen versorgt.

Warum machen die das alles?, fragte ich mich spätestens nach dem Richtfest. Ikea investierte über 80 Millionen Euro in seine erste Innenstadtfiliale, für die auch ein neues Lieferkonzept entwickelt wurde. Und bei so viel Geld, wie das Unternehmen zusätzlich dafür ausgab, ein guter Nachbar zu sein, musste es um mehr gehen als nur um Imagepflege.

Kein Projekt interessiert den Konzern derzeit so wie Hamburg-Altona

Die Deutschland-Zentrale von Ikea ist in Wallau, einem hessischen Städtchen mit nicht mal 5000 Einwohnern. Man kommt dort bequem mit dem Auto hin, der Bus fährt nur einmal die Stunde. Wallau ist das alte Ikea-Konzept: Gut von der Autobahn zu sehen und direkt hinter der Ausfahrt gelegen.

"Most things still remain to be done. A glorious future!"

Im Empfangsbereich der Zentrale warte ich im Ikea-Katalog 2014. Ich sitze auf Sessel Nolmyra, 29 Euro, vor mir ein Beistelltisch der Serie Ikea PS, auch 29 Euro, und gucke auf sommerlich weiß-gelben Stoff, der die Wand dekoriert, Stockholm-Meterware, 7 Euro pro Meter. An der Wand läuft der Countdown für die Eröffnung der Filiale Hamburg. Auf einer digitalen Anzeigetafel zeigen rote Ziffern an, wie viele Tage es noch sind: 157.

Johannes Ferber, Expansions-Chef von Ikea, sitzt im Besprechungszimmer und guckt auf die Wand, auf der einer der Leitsprüche des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad steht: "Most things still remain to be done. A glorious future!"

"Ikea hat schon länger nach Möglichkeiten gesucht, weiter in die Innenstädte vorzudringen. Wir möchten näher an unsere Kunden kommen und interessieren uns deshalb mittlerweile auch für kleinere Flächen", sagt Ferber. Große, gut erschlossene Grundstücke an der Autobahn gebe es nicht mehr so viele wie früher. Und viele Großstädter würden heute ganz auf ein Auto verzichten. "Wir testen in Hamburg ein neues Ikea-Format. Wenn es ein Erfolg wird, kann es ein Muster sein für andere Standorte." Kein Projekt interessiere die Ikea-Welt zurzeit so sehr wie Hamburg-Altona. Für die Zeit nach der Eröffnung hätten sich schon diverse Ikea-Delegationen angemeldet, auch aus Schweden.

So wie ich das verstehe, könnte sich vor meiner Haustür die künftige Expansionsstrategie des Ikea-Konzerns entscheiden.

Ich glaube, zurzeit ist mein Bezirk das, was Soziologen als "gut durchmischtes Viertel" bezeichnen. Wenn ich morgens einkaufen gehen, frühstücken vorm Kiosk neben der Baustelle immer noch die gleichen Männer ihr Bier wie früher. Nur dass schräg gegenüber im Café Saltkråkan jetzt die Hipster ihre iPads zum Kaffee auspacken.

Das Eiscafé Filippi hat trotzdem noch genug Gäste, sogar mehr als früher. Es gibt genug Kunden für den türkischen Gemüsemarkt und für den Bio- Supermarkt auf der anderen Straßenseite. Ein bisschen Döner mit allem, ein bisschen Bugaboo. Altes und neues Altona koexistieren.

Klaus-Peter Sydow sitzt beim Eiscafé Filippi unterm Sonnenschirm und trinkt Kaffee, während hinter seinem Rücken die Baumaschinen dröhnen, sie sind keine fünf Meter entfernt. Seit der Ikea-Entscheidung hat er schon wieder einen neuen Arbeitsplatz schaffen können in seinem Reisebüro. Er verkauft jetzt auch Kreuzfahrten, die Umsätze steigen. Mehr Miete muss er nicht zahlen, und sein Vertrag läuft über zehn Jahre. Klaus-Peter Sydow ist ein Gentrifizierungsgewinner.

Er nimmt einen Zug von seiner Marlboro und ruft mehr, als dass er spricht: "Wir dürfen hier etwas miterleben, was es so noch nicht gibt. Wir sind hier Teil eines Pilotprojektes."

Auch für Florian Kröger, der seinen Stammkundinnen damals die Eier vom Toom mitbrachte, läuft es bestens. Tee und Kaffee, dazu eine Auswahl guter Weine und edler Schokoladen – die neue Klientel der Großen Bergstraße passt in seinen Laden. Um die Miete muss Kröger sich keine Sorgen machen, ihm gehört das Haus. Früher rümpften Freunde die Nase, wenn sie hörten, wo er wohnt. Jetzt hätten sie hier auch gerne eine Wohnung.

Natürlich haben auch Ketten Interesse an der Ladenfläche. Kentucky Fried Chicken hat ihm ein Angebot gemacht. Kröger hat es abgelehnt. Stattdessen hat er gerade noch einen Laden in der Großen Bergstraße gemietet. Er bekommt ihn zu den gleichen Konditionen wie seine Vormieterin, die ihn vor der Ikea-Entscheidung übernommen hatte.

Also ist doch alles nicht so schlimm? Für Renate Kasselmann schon. "Alles muss raus" steht in Blockbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen auf dem roten Plakat im Schaufenster des Kleidungsgeschäftes Hundertmark. Rechts und links davon steht auf DIN-A4-großen Zetteln: "Wir müssen raus".

Renate Kasselmann sitzt in der Kaffeeküche im ersten Stock des Ladens und hält sich an ihrer Zigarette fest. Ihr Vermieter, eine Erbengemeinschaft, hat ihr gekündigt. "Einfach so", sagt sie. Der Grund dafür schiebt sich vor dem Fenster der Kaffeeküche über 30 Meter hoch in den regengrauen Himmel. "Der goldene Elch", sagt Renate Kasselmann. Hundertmark war über 50 Jahre in der Großen Bergstraße. Wieder ist ein Stück altes Altona weg.

Mietrechtlich war die Kündigung legal. Kasselmanns Zweijahresvertrag verlängerte sich nur dann, wenn weder sie noch der Vermieter kündigten. "Aber er hat mich nicht mal angerufen", sagt Kasselmann. Das findet sie am schlimmsten, dass sie ihm nach all den Jahren nicht mal einen Anruf wert war. Irgendwer wird ihm jetzt wohl eine sehr hohe Miete zahlen, glaubt sie. "Und alles nur wegen Ikea."

IKEA in Altona - ob ein Fluch oder Segen lässt sich noch nicht sagen

Aber sogar wenn man denkt, dass eine Sache klar ist, kann sie kompliziert sein. Später wird sich herausstellen, dass Kasselmanns Nachmieter, eine Apotheke, nicht mehr zahlen muss als sie. Es gibt, Ikea hin oder her, vielleicht auch Mieterwechsel, die sind einfach nur persönlich.

Gentrifizierung, ja oder nein? Ich wünschte, ich könnte die Frage so einfach beantworten, wie es Ikea-Gegner und -Befürworter tun. Aus Prinzip gegen jede Form der Veränderung in einer Stadt zu sein, finde ich genauso falsch wie eine Veränderung, an der nur die Reichen teilhaben können.

Die Mieten entwickeln sich in meinem Viertel nach oben. Noch kostet eine Wohnung in Altona-Altstadt im Schnitt 7,58 Euro pro Quadratmeter. Wer neu mietet, zahlt allerdings bereits zweistellig. Die Immobilienfirma Bruhn wird für ihre Wohnungen im Neubau an der Bergspitze zwischen 12 und 13,50 Euro pro Quadratmeter nehmen. Das ist für Hamburger Verhältnisse nicht mal besonders teuer. Ich habe Freunde in Eimsbüttel und Eppendorf, die mehr zahlen. Leisten können werden sich diese Wohnungen trotzdem nur Menschen ab einer gewissen Einkommensstufe.

Kann ich erwarten, dass ein Investor wie Bruhn aus sozialer Verantwortung Wohnungen unter dem Hamburger Durchschnittspreis anbietet? In einer idealen Welt wäre das so. Ich glaube aber, dass nur die Politik dafür sorgen kann, dass nicht aus noch mehr Stadtteilen reine Wohlstandsviertel werden. Der Bezirk hat sich gewünscht, dass ein Drittel der neuen Wohnungen an der Bergspitze Sozialwohnungen werden. Durchgesetzt hat er das nicht.

Ikea in Altona – Fluch oder Segen?, unter diesem Titel lud Die Linke vor einem Jahr zu einer Infoveranstaltung ein. Ich fand mein Viertel vor Ikea nicht so schlimm, wie die Ikea-Befürworter es dargestellt haben. Es hat sich mit Ikea aber auch nicht so schlimm verändert, wie die Ikea-Gegner es prophezeit haben. Jedenfalls noch nicht.

Die Autorin wurde durch ein Stipendium für lokale Berichterstattung des Vereins "netzwerk recherche" gefördert