Die Ikea-Gegner, das waren die Partei Die Linke, Bürgerinitiativen und ein Teil der Anwohner. Für sie war klar, was dem Viertel bevorstand: Mietwucher. Bald würden sich nur noch Ketten wie Douglas und H&M die Mieten leisten können, die Großen würden die Kleinen vertreiben. Die Wohnungspreise würden explodieren. Bald wäre die Große Bergstraße ein zweites Ottensen.

Auch ich meinte, dass Hamburg nicht noch einen Stadtteil brauchte, in dem sich nur Besserverdiener die Mieten leisten konnten. Es gab genug Viertel, in denen MacBook-Kreative die Szene-Cafés und Bugaboo-Mütter die Bürgersteige verstopften. Wenn ich Freunde in Eppendorf besuchte, hatte ich auf dem Weg nach Hause jedes Mal das Gefühl, aus einer Wohlstandsblase ins wirkliche Leben zurückzufahren. Deshalb würde ich die Frage "Gentrifizierung: ja oder nein?" normalerweise mit Nein beantworten.

Aber so gut sich der schwedische Möbelgigant mit seiner Massenware auch als kapitalistischer Widersacher eignete, so kompliziert war alles andere. Die Rollen im Gentrifizierungsdrama waren viel weniger klar verteilt, als die Kritiker es darstellten.

Es war nicht nur der Bezirk, der Ikea nach Altona holen wollte. Unterstützung für Ikea kam ausgerechnet von jenen kleinen Läden in der Großen Bergstraße, die in der Regel als Gentrifizierungsopfer gelten würden. Statt sich vor dem Riesen zu fürchten, sammelten auch sie Unterschriften.

Klaus-Peter Sydow hat ein Reisebüro in der Großen Bergstraße, drei Beratungstische, viele Kataloge, an der Wand Postkarten seiner Kunden. Sydow ist einer, der empfiehlt, doch bitte nach Griechenland zu fliegen, die Leute dort würden in der Krise dringend die Einnahmen aus dem Tourismus brauchen.

Seine Mutter eröffnete das Reisebüro in den 1960ern. "Sie hat die goldenen Jahre erlebt", sagt Sydow. 1996 übernahm er das Geschäft, damals hatte er drei Mitarbeiter und einen Azubi. Dann zogen die großen Läden weg und mit ihnen die Kunden. Immer mehr seiner Nachbarn gaben auf, der Schuster und der Uhrmacher, das Käsegeschäft und der Blumenladen. Auch Sydow kämpfte. Als Ikea begann, sich für die Frappant-Fläche zu interessieren, hatte er statt der drei Mitarbeiter nur noch einen. Ein, zwei Jahre noch, schätzte Sydow, dann wäre es aus. "Das Viertel war tot", sagt er. "Ikea war unsere letzte Rettung."

Florian Kröger leitet ein Familiengeschäft in der Großen Bergstraße, sein Urgroßvater eröffnete dort vor 90 Jahren einen Krämerladen, der heute ein Geschäft für Tee, Kaffee und Wein ist. Kröger hatte damals zwar mehr Stammkunden als Sydow und sah auch Ikea als Unternehmen viel kritischer als der. Aber er brachte älteren Kundinnen mittlerweile Eier vom Toom-Supermarkt hinterm Bahnhof mit. "Es gab hier keine Nahversorgung mehr", sagt er. "Und viele Läden standen leer." Und war der marode Frappant-Klotz wirklich so schützenswert? Kröger entschied: nein.

Der türkische Gemüsehändler, das kleine Eiscafé, der Friseur: Sie alle waren für Ikea. Wenn aber die Mehrheit der kleinen Einzelhändler Ikea wollte, warum wehrte man sich dann im Viertel so gegen die Veränderung? Die Künstler hatten die Frappant-Fläche von vornherein nur zur vorübergehenden Nutzung bekommen, bis die Stadt einen Investor fand. Sie bekamen außerdem Ersatzflächen in der Altonaer Viktoria-Kaserne.

Die Ikea-Befürworter um Klaus-Peter Sydow hatten schneller die nötige Anzahl von Stimmen zusammen, um einen Bürgerentscheid zu beantragen. 77 Prozent der Bürger stimmten für Ikea. Aber noch immer bestand die Möglichkeit eines zweiten Bürgerentscheids, nämlich dessen der Gegner. Um diesen zu verhindern, griff der Senat zu einem Trick: Er evozierte. Das bedeutet, dass aus einem bezirkspolitischen Verfahren eine gesamtstädtische Angelegenheit wird. Dadurch wurde eine zweite Abstimmung der Bürger verhindert, und der Weg für Ikea war frei.

Die Veränderungen im Viertel waren da, bevor Ikea mit dem Rohbau angefangen hatte. Längst gab es einen Edeka, einen Aldi, einen Denn’s-Biomarkt und eine DM-Filiale vor meiner Haustür. Ich musste mir eingestehen, dass ich das alles praktisch fand. Am Wochenende ging ich regelmäßig zum Frühstücken in den Klippkroog, ein neues Restaurant in der Großen Bergstraße. Der Mittagstisch dort war auch sehr gut. War ich längst ein heimlicher Befürworter der Gentrifizierung? Aus Bequemlichkeit und weil mir der Salat mit Ziegenkäse so gut schmeckte?

Ich konnte es mir leisten, regelmäßig im Klippkroog essen zu gehen. Die Menschen, die schräg gegenüber in der Preis-Oase ihre Sachen kauften, konnten das wahrscheinlich nicht. Dort schuckelt man auf einer baufälligen Rolltreppe in den ersten Stock eines zweigeschossigen Siebziger-Jahre-Baus. Es gibt dort alles, und alles ist billig. Man kann Kochtöpfe und Geschenkpapier kaufen, Duschgel und Dosen-Ravioli, Tupperware und Nippes jeder Art. Überall hängen Schilder, auf denen steht: "Jeder Ladendiebstahl wird zur Anzeige gebracht!"

Die Preis-Oase ist das alte Altona. Der Klippkroog ist das neue. Ich ging viel öfter in den Klippkroog als in die Preis-Oase. Ohne es zu wollen, war ich anscheinend selber Teil des Prozesses, der aus einem gemütlichen Kiez für alle recht schnell ein überteuertes Hipster-Viertel machen könnte. Würde ich bald auch eine von denen sein, die von sozialer Gerechtigkeit redeten, aber das Gegenteil lebten? Denn wo es um die Aufwertung eines Viertels geht, geht es eben immer auch um die Vertreibung derer, die daran nicht teilhaben.

Ein türkischer Imbissbetreiber bekam die Kündigung für seinen Laden, bevor er ihn eröffnet hatte. Dann lief der Vertrag des Sanitätshauses Funcke aus. Einen neuen bekam die Inhaberin nicht. Die beiden hatten den gleichen Vermieter. Dessen Namen spuckte man in der Großen Bergstraße künftig mit einer Mischung aus Angst und Abscheu aus: Bruhn.