Im Empfangsbereich der Zentrale warte ich im Ikea-Katalog 2014. Ich sitze auf Sessel Nolmyra, 29 Euro, vor mir ein Beistelltisch der Serie Ikea PS, auch 29 Euro, und gucke auf sommerlich weiß-gelben Stoff, der die Wand dekoriert, Stockholm-Meterware, 7 Euro pro Meter. An der Wand läuft der Countdown für die Eröffnung der Filiale Hamburg. Auf einer digitalen Anzeigetafel zeigen rote Ziffern an, wie viele Tage es noch sind: 157.

Johannes Ferber, Expansions-Chef von Ikea, sitzt im Besprechungszimmer und guckt auf die Wand, auf der einer der Leitsprüche des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad steht: "Most things still remain to be done. A glorious future!"

"Ikea hat schon länger nach Möglichkeiten gesucht, weiter in die Innenstädte vorzudringen. Wir möchten näher an unsere Kunden kommen und interessieren uns deshalb mittlerweile auch für kleinere Flächen", sagt Ferber. Große, gut erschlossene Grundstücke an der Autobahn gebe es nicht mehr so viele wie früher. Und viele Großstädter würden heute ganz auf ein Auto verzichten. "Wir testen in Hamburg ein neues Ikea-Format. Wenn es ein Erfolg wird, kann es ein Muster sein für andere Standorte." Kein Projekt interessiere die Ikea-Welt zurzeit so sehr wie Hamburg-Altona. Für die Zeit nach der Eröffnung hätten sich schon diverse Ikea-Delegationen angemeldet, auch aus Schweden.

So wie ich das verstehe, könnte sich vor meiner Haustür die künftige Expansionsstrategie des Ikea-Konzerns entscheiden.

Ich glaube, zurzeit ist mein Bezirk das, was Soziologen als "gut durchmischtes Viertel" bezeichnen. Wenn ich morgens einkaufen gehen, frühstücken vorm Kiosk neben der Baustelle immer noch die gleichen Männer ihr Bier wie früher. Nur dass schräg gegenüber im Café Saltkråkan jetzt die Hipster ihre iPads zum Kaffee auspacken.

Das Eiscafé Filippi hat trotzdem noch genug Gäste, sogar mehr als früher. Es gibt genug Kunden für den türkischen Gemüsemarkt und für den Bio- Supermarkt auf der anderen Straßenseite. Ein bisschen Döner mit allem, ein bisschen Bugaboo. Altes und neues Altona koexistieren.

Klaus-Peter Sydow sitzt beim Eiscafé Filippi unterm Sonnenschirm und trinkt Kaffee, während hinter seinem Rücken die Baumaschinen dröhnen, sie sind keine fünf Meter entfernt. Seit der Ikea-Entscheidung hat er schon wieder einen neuen Arbeitsplatz schaffen können in seinem Reisebüro. Er verkauft jetzt auch Kreuzfahrten, die Umsätze steigen. Mehr Miete muss er nicht zahlen, und sein Vertrag läuft über zehn Jahre. Klaus-Peter Sydow ist ein Gentrifizierungsgewinner.

Er nimmt einen Zug von seiner Marlboro und ruft mehr, als dass er spricht: "Wir dürfen hier etwas miterleben, was es so noch nicht gibt. Wir sind hier Teil eines Pilotprojektes."

Auch für Florian Kröger, der seinen Stammkundinnen damals die Eier vom Toom mitbrachte, läuft es bestens. Tee und Kaffee, dazu eine Auswahl guter Weine und edler Schokoladen – die neue Klientel der Großen Bergstraße passt in seinen Laden. Um die Miete muss Kröger sich keine Sorgen machen, ihm gehört das Haus. Früher rümpften Freunde die Nase, wenn sie hörten, wo er wohnt. Jetzt hätten sie hier auch gerne eine Wohnung.

Natürlich haben auch Ketten Interesse an der Ladenfläche. Kentucky Fried Chicken hat ihm ein Angebot gemacht. Kröger hat es abgelehnt. Stattdessen hat er gerade noch einen Laden in der Großen Bergstraße gemietet. Er bekommt ihn zu den gleichen Konditionen wie seine Vormieterin, die ihn vor der Ikea-Entscheidung übernommen hatte.

Also ist doch alles nicht so schlimm? Für Renate Kasselmann schon. "Alles muss raus" steht in Blockbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen auf dem roten Plakat im Schaufenster des Kleidungsgeschäftes Hundertmark. Rechts und links davon steht auf DIN-A4-großen Zetteln: "Wir müssen raus".

Renate Kasselmann sitzt in der Kaffeeküche im ersten Stock des Ladens und hält sich an ihrer Zigarette fest. Ihr Vermieter, eine Erbengemeinschaft, hat ihr gekündigt. "Einfach so", sagt sie. Der Grund dafür schiebt sich vor dem Fenster der Kaffeeküche über 30 Meter hoch in den regengrauen Himmel. "Der goldene Elch", sagt Renate Kasselmann. Hundertmark war über 50 Jahre in der Großen Bergstraße. Wieder ist ein Stück altes Altona weg.

Mietrechtlich war die Kündigung legal. Kasselmanns Zweijahresvertrag verlängerte sich nur dann, wenn weder sie noch der Vermieter kündigten. "Aber er hat mich nicht mal angerufen", sagt Kasselmann. Das findet sie am schlimmsten, dass sie ihm nach all den Jahren nicht mal einen Anruf wert war. Irgendwer wird ihm jetzt wohl eine sehr hohe Miete zahlen, glaubt sie. "Und alles nur wegen Ikea."