Jede Disziplin hat ihre eigenen Maßstäbe. Was kann man verlangen, was muss man befürchten? Entscheidend für Naturwissenschaften ist die Nachvollziehbarkeit von Experimenten, für den Verbandssport die Bestechlichkeit der Funktionäre, für den Ferntourismus die Darmparasitengefahr. Wesentlich für das moderne Tierleben ist der Streichelfaktor. Er begründet, warum unserem Herzen Säugetiere näherstehen als Stachelrochen und Fadenwürmer.

Der Streichelfaktor darf aber – ähnlich wie bei Sportfunktionären – nicht mit Gutmütigkeit oder echter Menschennähe verwechselt werden. Goldhamster und Steinmarder verlocken uns mit ihrem weichen Fell, auch wenn wir schon wissen, dass sie beißen, während Küchenschaben, die wirklich ausdauernde, unbissige Hausgenossen sind, von uns ungern liebkost werden. In diesem Spannungsfeld sind auch die Fische angesiedelt. Sie können – von Haien oder Barracudas abgesehen – uns selten richtig wehtun, aber andererseits möchten wir sie auch nicht direkt mit ins Bett nehmen. Ihre vermutete Harmlosigkeit führt zu einer verbreiteten Unterschätzung ihrer körperlichen Kraft. Hochseeangler mögen wissen, wie lange und ausdauernd man mit einem Schwertfisch oder blauen Marlin kämpfen muss, bis das Ungetüm an Bord hängt, vor dem sich Hemmingway so gerne fotografieren ließ. Aber was ist mit dem Kind, das sein fragiles Modellschiff auf einem heimischen Gewässer spazieren fährt? Wird es nicht schrecklich große Augen machen, wenn plötzlich ein Hecht danach schnappt oder ein Wels das schlanke Torpedoboot der Kriegsmarine in die sumpfige Tiefe zieht?

Darum gibt es die Diskussionsforen der Modellbauer im Internet, in denen sorgfältig auseinandergesetzt wird, ab welcher Länge und Breite ein vorbildgetreuer Nachbau vor dem Appetit mitteleuropäischer Speisefische sicher ist. Es gibt sogar Videos, in denen Attacken zu sehen sein sollen (meist recht verwackelt). Selbst Spiegelkarpfen sollen dem Bastelfleiß schon gefährlich geworden sein.

Was ist auf dem deutschen Teich los? So viel Hunger, Langeweile oder latente Aggressionsbereitschaft? Macht die soziale Verwahrlosung der Schulhöfe inzwischen nicht einmal vor den Süßwasserbiotopen halt? Freilich darf man nicht vergessen, dass zum Futterplan von Hecht, Wels und Co. immer schon allerlei gehört hat, das in größeren Wassertiefen nichts zu suchen hat – Entenküken, Mäuse, Ratten und Ärgeres. Man darf niemals den berühmten Bericht einer Berliner Boulevardzeitung vergessen, die das (ebenfalls recht verwackelte) Bild einer Seeuferstelle veröffentlichte, mit einem düster dräuenden, auf die Wasseroberfläche weisenden Pfeil, und dazu titelte: Der Killerwels vom Schlachtensee. Rentnerin trauert um ihren Dackel.

So kann’s kommen. Welse überhaupt können selbst in deutschen Flüssen zu tropischer Größe heranwachsen, urtümliche, ungeschlachte Schlangenwesen mit seltsamen Fühlern am alles schluckenden Breitmaul. Meinem Modell eines U-Bootes der Klasse 212, das ich unklug im Schlachtensee tauchen ließ, sind solche unliebsamen Begegnungen erspart geblieben, vielleicht weil es mit 1,40 Meter Länge selbst ungefähr Welsgröße hat. Gefährlich drohten nur einzelne laut schimpfende Schwimmer zu werden, die indes trotz ihres mangelnden Streichelfaktors nicht zu den Fischen, sondern zu den Säugetieren zählen und insofern hier außer Betracht bleiben müssen. Schwimmer stehen auf dem Speiseplan ganz anderer Wasserbewohner, die wir in einer der nächsten Folgen abhandeln werden.