Schon wieder ein neues Koch-Ereignis, es heißt Next queen of cuisine: Eine Jury mit Cornelia Poletto will mehr junge Frauen in der Spitzengastronomie unterbringen, das Ganze im Stil einer Castingshow. Ein Grund mehr, wieder einmal bei der Hamburger Queen Mom of Cuisine einzukehren. Anna Sgroi führt seit 16 Jahren das renommierteste italienische Restaurant der Stadt und war vor einer Weile auch mal Polettos Chefin. Ansonsten aber sind beide so verschieden, wie es nur geht.

Sgroi meidet die Kameras und möglichst auch ihre Kundschaft. Sie stammt aus Sizilien, bediente aber nie die Sehnsucht nach südlicher Gastlichkeit. Ihr erstes eigenes Lokal war ein Gourmetrestaurant alter Schule mit unterkühltem Ambiente, denkbar falsch platziert in St. Georg. Das neue liegt stimmiger an der Pöseldorfer Milchstraße. Auf der Terrasse der früheren Bierkneipe fühlt man sich fast wie im Urlaub.

Anna Sgroi hat sich das Kochen selbst beigebracht, aber davon merkt man nichts. Ihre Stärken liegen gerade da, wo Technik gefragt ist. Ravioli formt sie mit der Präzision eines Sushi-Meisters. Heute gibt es sie vom Kaninchen. Der dünne, aber feste Teig bringt das grob gehackte Fleisch optimal zur Geltung. Man muss weit fahren, um bessere Pasta zu essen.

Umgekehrt fehlt dieser Küche die Verspieltheit der Autodidakten. Sgrois Repertoire reicht heute wie in den Anfangstagen vom Schinken aus Zibello, derzeit mit Feigen und Balsamico, bis zum Zicklein aus dem Ofen. Einfache Speisen also, die mit den Jahren so raffiniert geworden sind, dass niemand denkt, er könnte das auch daheim.

Bei so einem Minimalismus schmeckt man natürlich genauer hin und merkt, wenn etwas nicht stimmt. Beim Fischgang zum Beispiel sind die sizilianischen Oliven vergessen worden. Immerhin werden sie nachgereicht, und man erfährt beim Knabbern der angenehm bitteren Früchte, dass die hochbetagte Mutter von Anna Sgroi sie hergeschickt hat.

Zu denken gibt auch das Schmortöpfchen von der Taube, so vollmundig es mit seinen marokkanischen Aromen schmeckt. "Mit glasierten Gemüsen", stand in der Karte. Stimmt, das waren mal Gemüse. Sie erinnern aber mehr an das, was man für Soßen auskocht und wegwirft. Taube pur also oder mit Brot – für 39 Euro.

Er werde die Kritik weitergeben, verspricht der liebenswürdige neue Restaurantleiter, der das Beschwerdemanagement seiner Chefin vielleicht noch nicht kennt. Sie verriet es mal in einem Interview: "Falls die Gäste mit meinem Stil nicht zurechtkommen, dann höre ich einfach nicht hin."

Doch wann immer man in diesem Restaurant anfängt, sich zu ärgern, kommt ein kleines Meisterwerk und macht alles wieder gut. Diesmal ist es die Cassata zum Dessert. Aus der gerade noch gefrorenen Masse mit den kandierten Früchten dringt so viel Sommer, dass einem beim Essen der Mund offen stehen könnte (wenn das ginge). Jetzt noch ein Kaktusfeigenbrand – das ist das rechte Getränk für einen Toast auf die Sturheit. Dann schreitet man arm, aber glücklich in die Pöseldorfer Nacht.

Warum kochen so wenige Frauen in Spitzenrestaurants? Vielleicht weil das Fernsehen sie nach dem ersten Erfolg in alberne Shows schleppt. Anna Sgroi hält stand. Wie sagt sie selbst: "Mein Reich ist die Küche, und da bleibe ich, basta!" So spricht eine wahre Queen of Cuisine. Auch wenn niemand sie hört.

Anna Sgroi, Milchstraße 7, Pöseldorf. Tel. 040/280 01 39 30, www.annasgroi.de. Geöffnet Di–Fr 12–14.30 Uhr und 19–22.30 Uhr, Sa nur am Abend. Abendmenü ab 79 €