Man kann es sich nur noch schwer vorstellen, aber Augsburg war für den europäischen Kunstmarkt einmal das, was heute London und Berlin sind. Seit der Spätrenaissance galt die Reichsstadt als Zentrum für hochrangiges Kunsthandwerk. Hier arbeiteten zeitweilig über 300 der besten Spezialisten vom Goldschmied bis zum Kistler, von hier kamen die begehrtesten Objekte, – die auch noch heute hoch gehandelt werden.

Wenn etwa zu Beginn des 17. Jahrhunderts Herzog August der Jüngere zu Braunschweig-Lüneburg – Autor des ersten deutschsprachigen Lehrbuchs zum Schachspiel – ein den höchsten Ansprüchen genügendes Schachbrett wünschte, dann bestellte er es selbstverständlich in Augsburg bei seinem dortigen Kunstagenten Philipp Hainhofer. Trotz wiederholter Nachfrage dauerte es damals zwei Jahre, bis das erwünschte Werk geliefert wurde. Der gelehrte Auftraggeber übte sich notgedrungen in Langmut.

Von seinem Kunstagenten kannte er den Grund der Verzögerung. Schließlich betreute Hainhofer zeitgleich ein ambitioniertes Unternehmen für Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin. Ein kleiner Trost: Der schöngeistige Fürst in Stettin musste sich sogar noch länger gedulden. Erst 1617 erhielt er seinen bestellten Kunstschrank mitsamt dem auf nahezu 500 Teile angewachsenen Inventar, an dem um die 24 Augsburger Kunsthandwerker mitgewirkt hatten. Einer der wichtigsten Gestalter war dabei Ulrich Baumgartner, der säumige Schreiner des ersehnten Schachbretts für Herzog August.

Das Kunstkammer-Prunkstück, berühmt als Pommerscher Kunstschrank, gelangte spätestens 1694 nach Berlin und überstand dort die Jahrhunderte, bis 1945 ein Brand das ausgelagerte Gehäuse zerstörte. Nur der anderweitig deponierte Inhalt blieb weitgehend erhalten und zählt heute zu den Preziosen des Berliner Kunstgewerbemuseums. Derzeit wird das Berliner Museum umgebaut, Christoph Emmendörffer vom Augsburger Maximilianmuseum nahm die Gunst der Stunde wahr. Er lieh sich etliche der kostbaren Stücke für seine Sonderschau Wunderwelt – Der Pommersche Kunstschrank aus und ergänzte sie durch weitere Leihgaben sowie Beispiele aus der eigenen Sammlung (noch bis zum 29. Juni, der hervorragende Katalog im Deutschen Kunstverlag kostet 39,90 Euro).

Die Ausstellung ist ein Ereignis. Wer die deutschen Antiquitätenmessen oder die mäßig besuchten Kunstgewerbemuseen durchstreift, in denen dann und wann ein Aufseher den Weg quert, der ahnt, dass es beim klassischen Kunstgewerbe ein Problem gibt: Es ist nicht mehr Teil des Lifestyles, die Neugierde der Generation unter 50 hat sich auf Zeitgenössisches verlagert. Nur sogenannte Spitzenstücke erregen noch Aufsehen oder Kaufbegierde. Die Augsburger Wunderwelt- Schau hat derart Hochkarätiges zu bieten und erschließt auf glänzende Weise, weshalb das heimische Kunsthandwerk des späten 16. und 17. Jahrhunderts auf internationalen Auktionen immer noch so geschätzt wird.

Aufwendig gestaltete Kunstschränke dienten als Repräsentationsstücke

Schon Hainhofer hatte den Augsburger Goldschmied David Altenstetter, seinen Mitarbeiter am Pommerschen Kunstschrank, als einen der "geschickhisten und berüembtisten maister" gerühmt und hinzugefügt: "Altenstetter übertrüffts alle" – ein berechtigtes Lob; denn zu den herausragenden Leihgaben der Ausstellung zählt Altenstetters Silberbesteck von 1615 mit seiner leuchtfarbenen feinen Ornamentik in Tiefschnittemail. Selbst Kunsthistoriker wussten nichts von dieser Rarität, bis sie 2005 bei Christie’s in New York auftauchte, wo sie umgerechnet rund 1,8 Millionen Euro (inklusive Aufpreis) erbrachte. Ein Hauptwerk der Augsburger Renaissancekunst war entdeckt worden. Als "oldest complete cutlery set" gelangte das Service sogar ins Guinness Buch der Rekorde.

Augsburgs Ruhm als Kunstmetropole gründete zwar auf der Spitzenware seiner Silberschmiede, aber eben auch auf der Perfektion der aufwendig gestalteten Kunstschränke. Sie waren, seit der Renaissance hergestellt, als Repräsentationsstücke konzipiert, Zeugnisse der Gelehrsamkeit und des erlesenen Geschmacks ihrer hochherrschaftlichen Besitzer. Die ausgeklügelte innere Gestaltung mit gestaffelten Schubfächern, Geheimlädchen, Platten zum Ausziehen und teils verborgener Mechanik überrascht und überwältigt auch heute noch. Das Öffnen der Fächer und Vorführen ihres wundersamen Inhalts konnten die Fürsten natürlich mit schönster Wirkung inszenieren.

Unter Hainhofers Regie entwickelte sich das Pommersche Möbel zu einer exquisiten Kunstkammer im Kleinen, die nicht nur Toilettennecessaires, sondern auch medizinische sowie wissenschaftliche Instrumente und zwei Orgeln barg. Ein berückend klar geformtes, schon damals ungemein kostspieliges silbernes Tafelservice von Michael Gaß kam hinzu, aber auch Schreibsachen, drei Spiele mit jeweils bis zu 50 fein gravierten Spielkarten aus Silber und natürlich ein Schachbrett mit schönsten Figürchen aus Elfenbein fanden ihren Platz. Selbst eine ästhetisch ansprechende Klistierspritze fehlte nicht. Das alles war weniger zum Gebrauch gedacht als zum Schauen und Staunen, geeignet, "neben dem nutzen und dienst schöne mediationes und contemplationes" anzuregen.