Man braucht lange, um mit diesem Buch fertigzuwerden. Es verfolgt einen, denn man kann sein Geheimnis nicht ganz lösen. Man versteht nicht, warum seine Figuren so sind, wie sie sind. Warum sie so fühlen, wie sie fühlen. Warum sie das tun, was sie tun. Aber man ist ganz in seinem Bann. Und vielleicht ist das schon das Beste, was man über ein Buch sagen kann: dass man so tief in seine Rätsel eintaucht, dass man darin selbst ein wenig verloren geht.

Marie NDiaye, der französischen Autorin mit senegalesischen Wurzeln, die seit vielen Jahren in Berlin lebt, wäre das vermutlich ganz recht. Die 47-Jährige schreibt seit ihrem siebzehnten Lebensjahr Romane, in denen sich im Alltag plötzlich der Boden auftut und die Figuren, getrieben von einer namenlosen Macht, in die Tiefe gerissen werden. Fast immer sind es weibliche Figuren, wie in ihrem im Jahr 2009 mit dem Goncourt-Preis ausgezeichneten Roman Drei starke Frauen, die zerrissen zwischen ihrer afrikanischen Abstammung und ihrem europäischen Leben, zwischen europäischen Kindern und afrikanischen Eltern, zwischen afrikanischer Weiblichkeit und europäischer Männlichkeit, schier den Verstand verlieren – und in diesem Untergang ein eigenartiges Glück erfahren.

Und weil die meisten Schriftsteller ihr Leben lang an einem einzigen Buch schreiben, das sich in verschiedene Romane zersplittert, gibt es auch im neuen Roman von Marie NDiaye wieder eine junge Französin, die sich für ihre afrikanischen Wurzeln schämt und sie verleugnet und am Ende nicht anders kann, als ihrem Sog zu erliegen. Malinka ist die weißhäutige Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, den sie nie gesehen hat. Sie lebt mit ihrer Mutter Ladivine in Paris und beschließt eines Tages, ihr Leben ganz und gar nach dem Gesetz des weißen Mannes zu leben, verlässt die Stadt, die ärmliche Wohnung, die schwarze Mutter und damit alles Unbegreifliche und Dunkle in ihrem Leben. Weder ihrem Mann noch ihrer Tochter gegenüber wird sie diese schwarze Mutter später jemals erwähnen.

Marie NDiaye - Lesetipp von Iris Radisch: "Ladivine" Ein Drama mit tragischen Ausmaßen: Die französische Autorin Marie NDiaye erzählt in ihrem neuen Roman von drei Frauen, deren Herkunft ihren Untergang bedeutet.

Es ist eine Aufsteigergeschichte, wie sie in Migrantenfamilien gelegentlich vorkommen mag: Die Tochter der schwarzafrikanischen Putzfrau heiratet sich hoch in die Eigenheimwüsten der nordfranzösischen Provinz. Aber es ist auch ein Gleichnis für den Weg, den das weiße Europa zurückgelegt hat, bis es im Paradiesghetto seines Wohlstands angekommen ist. Und weil in Marie NDiayes Sätzen die großen Tragödien immer mitschwingen, die den Siegeszug der Aufklärung begleitet haben, hat ihr großartiger Roman von Anfang an eine literarische Flughöhe, auf der einem schwindelig werden kann – und die berauschend ist.

Die ein wenig ausufernde Handlung führt auf über vierhundert Seiten durch die Allerweltskulissen Mitteleuropas – Malinka ehelicht einen Geländewagenverkäufer in Langon, ihre Tochter wiederholt den mütterlichen Verkleinbürgerlichungsversuch mit einem Karstadt-Verkäufer in Berlin-Charlottenburg, Malinkas Ehemann setzt sein trübes Geländewagenverkäuferleben an der Seite einer neuen Frau in Annecy fort – , und es kommt einem so vor, als wären dies die Bretter, auf denen sich täglich die Dramen Heinrich von Kleists abspielten. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Marie NDiayes Heldinnen zwar alles dafür tun, um sich an das gemäßigte europäische Lebensklima anzupassen und seinen Herausforderungen (zu viel schlechtes Wetter, zu viel Alkohol, zu viel Autos, zu viel Ordnung, zu viel Einsamkeit) gewachsen zu sein, aber zugleich von Gefühlen bestürmt werden, die in diesem Klima üblicherweise nicht gedeihen und deren extreme Ausschläge jedes gewöhnliche EU-Maß übersteigen. Entsetzliche Scham, unterdrückte Glut, brennendes Mitleid, heftiges Glück, tiefstes Elend, überschwängliche Dankbarkeit – um nur eine kleine Auswahl aus ihrem wilden Gefühlsrepertoire zu nennen – erschüttern ihre Seelen, die sich im Ansturm ihrer leidenschaftlichen Empfindungen wie Gräser im Wind biegen, ohne eigentlich zu wissen, was mit ihnen geschieht.

So erzählt Marie NDiaye die alte Geschichte von den archaischen Leidenschaften, den dionysischen Ekstasen und dem vielgerühmten Anderen der Vernunft, die der Westen in seiner rabiaten Erfolgsgeschichte verdrängt und ausgemerzt hat, noch einmal neu. Vordergründig mag es dabei um den alltäglichen Rassismus in Frankreich oder um die Neurosen einer überangepassten Kleinfamilie gehen. In seinem dunklen Kern spielt der Roman aber in den Wildgebieten der Seele, in die sich heute kaum noch jemand ohne seinen Geländewagen vorwagt. Es ist dieser Extremismus der Gefühle, der den Roman aus der zeitgemäßen Mittellage eines bekömmlichen Realismus heraus ins Tragische treibt.

Marie NDiaye hat, bevor sie mit dem eigenen Schreiben begann, einige Romane im Stil der von ihr verehrten französischen und russischen Klassiker zu Übungszwecken verfasst. Diese klassische Schulung hat ihren Stil geprägt. Es ist ein Genuss, zu verfolgen, wie sich ihre Sätze in der Spannung zwischen der formalen Strenge der Hypotaxen und der Zügellosigkeit des Empfindens aufbäumen und in nicht enden wollenden Kaskaden über die Seiten perlen, als gelte es, jede noch so flüchtige Regung bis in die tiefsten Schichten der Sprache und des Denkens zu verfolgen, dahin, wo die übergenaue Präzision ins Unheimliche kippt und sich im Rätselhaften auflöst. Der Übersetzerin Claudia Kalscheuer ist es gelungen, diese Balance zwischen der rhetorischen Etikette der französischen Klassik und der romantischen Verwilderung des Stils auch im Deutschen fabelhaft wiederzugeben.

Doch nicht nur die Sätze, auch die Heldinnen erliegen den Sirenengesängen des Unheimlichen, das sie im Verlauf der Erzählung immer tiefer hinab in den eigenen Untergang lockt. Die Todesrate des Romanpersonals ist entsprechend hoch. Von den drei Heldinnen überlebt einzig die schwarze Großmutter. Ihre Tochter Malinka wird grausam niedergemetzelt von einem Mann, dem sie sich anvertraut hat, weil sie an seiner Seite einen "herzzerreißenden Schmerz" empfand, der sie glücklich machte. Ihre Enkelin, die den sozialen Aufstieg in Berlin fortzusetzen gedachte, folgt den Stimmen ihrer Herkunft und geht in den dunklen Wäldern eines exotischen Urlaubslandes verloren, nachdem ihr Ehemann, der Berliner Karstadt-Angestellte, zuvor einen jungen Einheimischen ermordet hat. Die blutige Rückkehr des Verdrängten hinterlässt ein Schlachtfeld, das von den Höllenkötern der Unterwelt beherrscht wird, die in großer Zahl durch den Roman streunen und sein Personal führen und bedrohen.

Am Schluss versöhnen sich die beiden unversöhnlichen Hälften der Welt: Afrika und Europa trinken in Gestalt der schwarzen Großmutter und des weißen Ehemanns der ermordeten Tochter einen ersten Kaffee. Sie haben sich im Gerichtssaal kennengelernt, in dem Malinkas Mörder verurteilt wurde. Für einen Augenblick herrscht Frieden. Ein Hund legt sich ihnen zu Füßen. Marie NDiaye sieht darin "das Versprechen einer neuen Klarheit". Sie bevorzugt ein glückliches Ende. Sie findet, es gebe schon genug hoffnungslose Kunst auf der Welt. Sie möchte nicht, dass die Tragödie das letzte Wort hat.

Sein Geheimnis hat ihr wunderbar beunruhigender Roman damit nicht preisgegeben. Es pulsiert, noch lange nachdem man ihn zur Seite gelegt hat, weiter wie ein Herz, das sich nicht mehr beruhigen möchte.