Seine ersten europäischen Auftritte kurz nach Amtsübernahme waren für den italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi nicht gerade triumphal. Beim Staatsbesuch in Berlin hatte er seinen Mantel falsch geknöpft, vom ersten Gipfel in Brüssel grinste er in die Kameras. "Seht her, ich bin ganz oben angekommen", schien Renzi zu sagen. "Und was mache ich jetzt hier?"

Der 39-Jährige wirkte wie ein Schuljunge, der plötzlich bei den Großen mitreden durfte. "In Brüssel brauchen sie jetzt einen Kinderstuhl am Tisch der Regierungschefs", wurde daheim gespottet. Die italienischen Satiriker spotteten, die deutsche Mutti Angela Merkel werde Klein Matteo schnell unter Kontrolle haben.

Inzwischen ist Renzi seit etwas mehr als hundert Tagen im Amt, und er hat bei den Europawahlen mit 40,8 Prozent ein Rekordergebnis für die italienische Linke eingefahren. Der von ihm geführte Partito Democratico (PD) stellt nun die stärkste Ländergruppe der europäischen Sozialisten. All das lässt den Florentiner, der im Februar seinen Parteifreund Enrico Letta aus dem Regierungsamt drängte, plötzlich sehr erwachsen erscheinen. Renzi sitzt jetzt nicht nur selbstverständlich am Tisch der Großen. Sein Wort hat auch Gewicht.

Seine europäischen Partner fragen sich, wie Italiens neuer Star seine Macht nutzen will. Wird Renzi nun gegenüber Merkel Stärke demonstrieren? Sich gar zum Anführer einer "Südachse" gegen die Sparpolitik der Nordländer aufschwingen, zusammen mit dem Franzosen François Hollande und den spanischen Sozialisten als Juniorpartner? Wie seriös ist der Neue aus Italien überhaupt? Steckt in diesem selbst ernannten "Verschrotter" der italienischen Politkaste nicht am Ende ein kleiner Berlusconi?

Mit diesem Vorwurf haben die politischen Gegner versucht, Renzi aufzuhalten. Renzi und Berlusconi seien nur zwei Seiten derselben Medaille, ätzte der Ex-Komiker Beppe Grillo, Anführer der Fünf-Sterne-Bewegung. Berlusconi selbst suggerierte ebenfalls, Renzi sei eine Art Nachfolger von ihm. Der Ex-Premier, inzwischen als verurteilter Steuerbetrüger mit Sozialstunden bei Demenzkranken beschäftigt, verzichtete im Wahlkampf auf Attacken gegen Renzi – in der Hoffnung, nichts würde der Linken mehr schaden als ein maliziöser Schmusekurs.

Sowohl Grillo als auch Berlusconi führten eine brachiale Kampagne gegen Europa und insbesondere gegen Deutschland. Berlusconi, dessen Wahlverein Forza Italia Teil der EVP ist, behauptete, die Deutschen verleugneten die NS-Konzentrationslager. Grillo, den Meinungsforscher schon als Wahlsieger sahen, fantasierte von angeblichen deutschen Beschlagnahmungslisten der Kunstschätze in den Uffizien, der weltberühmten Gemäldegalerie in Florenz. Doch der Wahlabend war für Italiens Anti-Euro-Populisten eine große Ernüchterung, Renzi bekam mehr Stimmen als Grillo und Berlusconi zusammen. Mit dem einfachen Slogan: "Wir brauchen nicht weniger Europa. Sondern mehr."

Nein, Renzi ist nicht wie Berlusconi. Zwischen den beiden liegen nicht nur eine Generation, ein paar Milliarden Euro und zwei grundsätzlich verschiedene Lebensstile. Im Gegensatz zu Silvio Berlusconi, der Italien stagnieren ließ, um seine Monopolstellung zu sichern, macht Matteo Renzi Politik. Er will den Kündigungsschutz lockern, die Kompetenzen der Provinzregierungen beschneiden und den Senat drastisch verkleinern, die zweite Kammer des Parlaments. Gesetzesentwurf folgt auf Gesetzesentwurf, Abstimmung auf Abstimmung. Die Parteilinke argwöhnt, die Reformen seien nichts als Versprechen. Und vor allem keine linke Politik.