Wenige Flugstunden von Berlin entfernt, vor Europas Haustür, wütet ein zerstörerischer Konflikt: Saudi-Arabien, Schutzmacht der Sunniten und Hüter der heiligen Stätten des Islams, liefert sich mit dem schiitischen Iran einen Kampf um die Vorherrschaft in Nahost. Eine historisch, ethnisch und konfessionell aufgeladene Rivalität, die in Bahrain, im Irak, im Jemen, im Libanon und vor allem auf den Schlachtfeldern Syriens ausgetragen wird. Beobachter sprechen bereits von einem "neuen Kalten Krieg in Nahost", in dem der sunnitisch-schiitische Gegensatz geschürt und politisch instrumentalisiert wird.

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie, die seit 80 Jahren von Mitgliedern der Familie Al-Saud regiert wird. Der Iran ist eine islamische Republik, die vom schiitischen Klerus regiert wird. Die beiden Staaten stehen nicht nur für völlig unterschiedliche Herrschaftskonzepte, sie verfolgen auch entgegengesetzte Interessen. Seit dem Sturz Saddam Husseins ist es dem Iran gelungen, seine Einflusssphäre immer tiefer in arabisches Kernland auszudehnen – in den Irak ebenso wie in den Libanon und nach Syrien.

Zur ideologischen Grundausstattung der Islamischen Republik gehört – zumindest aus Sicht der iranischen Hardliner – der Revolutionsexport mit dem Ziel, die mit den USA verbündeten Golf-Monarchien durch Teheran-freundlichere Regime zu ersetzen. Saudi-Arabien – der größte internationale Abnehmer US-amerikanischer Militärgüter – setzt wiederum alles daran, Teherans Einfluss zurückzudrängen. Daher wäre ein atomar bewaffneter Iran nicht in seinem Interesse.

Aber auch ein dauerhaftes Nuklearabkommen zwischen Teheran und dem Westen wäre für Riad ein Problem. Denn ein Deal würde zur Aufhebung der Sanktionen und womöglich zu einer weiteren Entspannung zwischen Teheran und dem Westen führen. Ein von Sanktionen und politischem Druck befreiter Iran könnte diese Freiheit nutzen, um seinen Einfluss in der Region auszudehnen. So könnte der oberste iranische Revolutionsführer Ali Chamenei versuchen, die Gegner eines Nuklearabkommens im eigenen Land zu besänftigen, indem er ihnen freie Hand in regionalpolitischen Fragen gibt.

Möglich ist aber auch, dass sich die pragmatischen Kräfte um Präsident Hassan Ruhani durchsetzen. Sie wollen den Iran aus der internationalen Isolation führen, seine Beziehungen zu den arabischen Nachbarn verbessern und den Kurs der Öffnung fortsetzen. Nicht zuletzt Ruhanis Charme-Offensive gegenüber den Golfstaaten hat wohl dazu geführt, dass Saudi-Arabiens Außenminister Prinz Saud ibn Feisal seinen iranischen Amtskollegen vor wenigen Wochen zu einem Besuch nach Riad eingeladen hat. Ist das bereits ein Zeichen der Annäherung?

Ein bekannter saudischer Journalist hat es so formuliert: "Die gute Nachricht: Riad und Teheran reden miteinander. Die schlechte Nachricht: Es wird vorerst nichts dabei herumkommen."

Saudi-Arabien befindet sich derzeit in einer sensiblen innenpolitischen Lage. Der Monarch und seine Führungsspitze sind hochbetagt, der Ernstfall der Machtübergabe könnte jederzeit eintreten. In einer solchen Situation ist man zurückhaltend mit zukunftsweisenden Entscheidungen. Zumal aus saudi-arabischer Sicht eine Annäherung an Teheran mit der Syrien-Frage steht und fällt. Dabei geht es weniger um Assads Schicksal als darum, zu verhindern, dass der Iran Syrien als dauerhaften Brückenkopf im Herzen der arabischen Welt nutzen kann.

Welche Rolle kommt nun Europa in diesem Konflikt zu? Kann und soll die europäische Diplomatie eingreifen, wo sie doch mit der Ukrainekrise mehr als genug zu tun hat?