Kein Professor in staubiger Stube, der über Büchern grübelt nach des Daseins Sinn; keiner, den der Weltgeist oder tieferes Erkennen interessieren könnte. Der Kerl da droben in Hemd und Hose hat sichtlich alles hinter sich, sobald das erste Licht ihn erfasst, links auf der schwarzen Riesenbühne, ratlos am Waschbecken. Jetzt klatscht er sich Wasser an die Rübe, glotzt sich im Spiegel an: War’s das, oder kommt noch was? Ja, die zwei Alten aus Faust II in ihrer Hütte tauchen auf – dann explodiert die Bühne. Flammenblitze, Monsterknaller, Gluthauch fegt tief ins Parkett, Feurio, die Bude brennt! Herr Faust hat die Alten samt Hütte abgefackelt. Aus der abrupten Bühnenschwärze schält sich Mephisto und räsoniert mit Zitaten aus dem Prolog, der Zueignung und Selbsterdichtetem über seinen Ekel an allem: "Ich liebe mir das Ewig-Leere."

Das kann er hier haben. Denn Fausts Versuche, das Leben in Exzessen zu erleben, strandet in Martin Kušejs Regie am Münchner Residenztheater rasch beim Geflacker und Gelichter brutaler Hinterhöfe, in Fightclubs, Hafenpuffs und Drogendiscos. Leiber glänzen nackt, grobschlächtige Schläger und It-Girl-Schlampen reiben sich auf, Auerbachs Keller und Walpurgisnacht fließen ineinander. Und wie man das aus Trailern zu Hollywoodfilmen kennt: Geräuschdesign gischtet, wummert und tackert überlaut nach jedem dritten Goethe-Zitat. Dazu fetzen Lichtblitze über Nacktes beim Grapschen, dazu dröhnende Beats, dann Blackout. Wieder Blitze, Zitate, Schmettern und Dunkel, "als gingen Mühlsteine im Kopf herum".

Der Meister des Gerüstbaus, Bühnenbildner Aleksandar Denić, hat – wie zuletzt für Castorfs Reise ans Ende der Nacht am gleichen Ort – eine zweistöckige Konstruktion aus Metallleitern und Gitterkäfigen auf die Drehbühne gewuchtet, mit Zellen und Zimmern, Schaufenster und Tiefgarage und mit einem Auslegerkran zuoberst, dass man sich in einem Verladehafen glaubt; entsprechend abgefuckt das Laufpublikum.

Dreht sich der babylonische Bau und schimmern die Schlaglichter im Dauerdunkel – was ja doch sehr apart aussieht –, denkt man an Film noir und die Verbrecherdramen von Koltès. Goethe ist weit weg, hier geht es nicht ums Erkennen und Gestalten einer Welt, sondern um das trostlose Sich-Verwirklichen (in welcher Wirklichkeit bloß?). Mitnehmen, was geht, der Menschen Triebe sind zum Treiben verwahrlost. Und Herr Faust, der sich offensichtlich statt der Magie dem Crystal ergeben hat und sich nicht sehnt nach "Geistes Kraft und Mund", vielmehr giert nach der Droge Saft und des Betriebes Schund. Prompt gerät er beim Osterspaziergang in eine röhrende Menge, die zum Volksaufstand entgleist, wobei ihn eine Kugel niederstreckt, unser so rast- wie ratloser Faust liegt nun endlich jenem Mephisto-Schlacks zu Füßen, der in blutigem Metzgerschurz aus dem Dunkel wächst, und sagt zurecht: "Das ist nicht eines Hundes Gestalt. Seid Ihr Arzt?" Nein, das nicht, Mephisto ist und sagt das auch, "ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", was, wie sich zeigt, in dieser Inszenierung nicht aufgeht. Denn hier läuft alles aufs Böse und "Ewig-Leere" zu, dem letzten Wort auf der Bühne.

Wie Bibiana Beglau als Mephisto sich über diesen muskulösen Schlaffi Faust hermacht (den Werner Wölbern bullig bläht), wie sie kalt sich an die Rampe stellt und in leisen Tönen Nihilismus zwischen Zigarettenrauch rezitiert, die Kugel aus Fausts Leib tranchiert und ihm zum Beschluss des Teufelspakts geilgierig in den Mund leckt, hernach, bei Fausts Verjüngung, ihren Teufelsschwanz (einen wahren Ochsenziemer) nach vorne zerrt und von der hochhackigen Hexen-Nutte melken lässt ("ein gutes Glas von dem bekannten Saft"), dabei von gekitzeltem Kichern und Orgasmus überfließt – also diese Beglau ist schon ein fantastisches Bühnentier! Ihre Kunst, ihre Artistik geben der weithin tobenden Aufführung Schauspielerglanz. Und wie aus einer andern Welt taucht spät Andrea Wenzl auf, ein keckes Gretchen und doch tief beschämt vom Chaos der Gefühle. Der Rest ist fetzenbunter Radau. Die Drehbühne kreißt, spuckt Blut und Sperma und, bei allem Feuerzauber, große Kälte. Einmal – ein prachtvolles Bild, das schon – dreht sich der Kranausleger und schleudert einen Pferdekadaver am Seil durch die Lüfte, durchs Dunkel: der Ritt zur Walpurgisnacht, die Texte dazu (aus dem Off) sind nicht zu verstehen im Gebraus. Ein anderes Mal wiederholt sich die Explosion des Anfangs mit Gluthauch und Hitzewallen; diesmal räumt eine mafiöse Truppe für Faust, den Skrupellosen, das Feld frei.

Pfiffig ist sie ja, diese Strichfassung, aufgepeppt durch Passagen aus Faust II und Selbstgereimtes; da haben der Autor Albert Ostermaier und die Dramaturgin Angela Obst schon einiges geleistet. Aber wenn es nur um Action geht, fehlt nun mal die Tiefe – ebendas, was man Sinn und Verstand nennt. Es ist ein Theater der Überwältigung, wofür Kušej ja gerühmt wird, das sogenannte Theater der Bilder, der Wucht und der Faustschläge. Man schaut interessiert auf die Beleuchtung (Lichtgestaltung: Tobias Löffler), freut sich an Heidi Hackls Fetzenkostümen und daran, dass man endlich mal wieder die wunderbare Elisabeth Schwarz sprechen hört (in drei Frauenrollen): ein von ihr gesetztes Wort wischt alle Feuerblitze, alle Schrei-Orkane in die Nacht des Vergessens. Ja, war ganz reizvoll – aber leer. Wie endet Kušejs Faust? "Es ist so gut, als wär es nicht gewesen, / Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre. / Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere." Sagt Mephisto.