Das alte Band klingt, als spräche er heute, als schrieben wir den 13. Dezember 1996. Er wirkt gesund und frischen Mutes. Hin und wieder ratscht ein Streichholz. Reinhard Höppner befeuert sein sozialdemokratisches Pfeifchen und ersinnt Sätze von pastoral bekömmlicher Ironie. Der Pfarrerssohn, der Mathematiker, der Volkskammer-Vizepräsident Höppner regiert zu jenem Zeitpunkt seit gut zwei Jahren Sachsen-Anhalt. Er herrscht rot-grün, doch ohne Mehrheit, geduldet von der PDS. Der Westen schäumt, auch Lafontaines SPD: Honeckers Schergen rehabilitiert! Die SED im Stellwerk der Magdeburger Staatskanzlei! Höppner schmaucht und sagt: Man kann nicht auf Dauer jemanden in die Ecke stellen. Mein christlicher Ansatz ist, dass ich jedem zutraue, zu lernen, sich zu ändern.

Sind Sie enttäuscht von dem, was aus dem 89er-Aufbruch wurde?

Enttäuschte begeben sich ins Abseits. Ich hegte nie die Illusion, dass das Volk auf Dauer einen politischen Gestaltungswillen hätte, sagt Höppner. Als ich in die Politik ging, sagte mir mein geliebter Altbischof Werner Krusche: Richten Sie sich darauf ein, dass es Ihnen niemand danken wird.

Reinhard Höppner war kein Landesvater. Dennoch führte er Sachsen-Anhalt für acht Jahre. Die Kohl-Dämmerung begann im Osten 1994; vier Jahre später mündete sie in Gerhard Schröders Kanzlerschaft. Höppner installierte 1998 seine zweite Minderheitsregierung, diesmal gar ohne die Grünen. Zur offiziellen Ehe mit der PDS gebrach ihm allerdings der Mut. Im Jahr 2002 war sein Magdeburger Modell am Ende. Die Arbeitslosigkeit lag bei 20 Prozent, der SPD entlief die Hälfte ihrer Wähler. Höppner sah aus wie die Inkarnation der schlechten Zeiten. Man erfuhr von seiner Krebserkrankung. Geistig war er souverän, körperlich rieb er sich auf. Dem schmalen Intellektuellen folgte als Ministerpräsident der opulente Christdemokrat Wolfgang Böhmer, ein Chefarzt von gleichsam vordemokratischer Paternalität. Seither regiert in Magdeburg die CDU.

Die SPD flocht ihrem gestürzten Sonderling keine Ehrenkränze. Sie entsorgte ihn als wendezeitliche Übergangsgestalt. War er das nicht wirklich? Reinhard Höppner gehörte zur geistig-moralischen Landesreserve der DDR, die aus ideologischen Gründen am Aufstieg gehindert wurde. Im Westen, sagte er, wäre ich Mathematikprofessor geworden. Im SED-Staat wurde er Lektor im Akademie-Verlag. Sein kirchliches Engagement zog er der Karriere vor. Als Synodalpräsident erwarb er jene parlamentarischen Fähigkeiten, die ihn 1990 in der frei gewählten Volkskammer mit seinem Holzglöckchen die wildesten Sitzungen dirigieren ließen. Unvergesslich: die schrille, niedergebrüllte Rede eines Kommunistenfressers von der DSU. Der Redner verlangte, Höppner möge für Ruhe sorgen. Höppner süffisant: Ich bitte das Hohe Haus, den Redner aussprechen zu lassen. Und den Redner bitte ich, so zu sprechen, dass man sich’s auch anhören kann.

Im Tiefsten ist Reinhard Höppner Vermittler gewesen. Mit einer Pastorin verheiratet, lebte er sein Christentum als tätige Pflicht, politisch wie in der evangelischen Kirche.

Auf dem Band von 1996 sprach er eigensinnige Sätze. Jede Gesellschaft habe Beschränkungen. Die Lebenskunst bestehe darin, gebotene Räume zu nutzen. Er habe auch in der DDR mehr Möglichkeiten gehabt, als er effektiv hätte wahrnehmen können. Das Gerede von 40 verlorenen Jahren sei völlig falsch. Der Westen möge begreifen, dass auch seine Welt sich mit der deutschen Einheit geändert habe. Bei westlicher Ignoranz, bei Themen wie Eigentum, Altschulden, Landwirtschaftsanpassungsgesetz werde er zum kämpferischen Ossi.

Dann endet das Band. Die Zeit ist abgelaufen, Höppner geht. In der Nacht zum Pfingstmontag ist er mit 65 Jahren in Magdeburg gestorben.