Ein Helikopterflug übers Meer hebt natürlich die Stimmung von Journalisten, und genau das ist eines der wichtigsten Ziele dieser Nato-Mission: Öffentlichkeit wie nie zuvor. Zur besten Fotozeit liftet uns, ein halbes Dutzend europäischer Journalisten, ein Seahawk-Hubschrauber von der südschwedischen Hafenstadt Karlskrona aus aufs Deck der Mount Whitney. Dirigiert von dem massigen U.S.-Navy-Schiff, hält die Nato derzeit das größte Ostseemanöver ihrer Geschichte ab, und die Welt soll es sehen.

Baltops heißt die jährliche Militärübung, es gibt sie schon seit 42 Jahren. In diesem Sommer allerdings, nach der russischen Annexion der Krim, soll der Flottenauflauf vor allem die östlichen Nato-Staaten beruhigen. Die baltischen Staaten und Polen hätten sich besonders "mutig und robust" in Afghanistan engagiert, heißt es im Weißen Haus, und nun, da ebenjene Staaten besonders besorgt seien über "Russlands provokante Aktionen in der Ukraine", sei es Zeit, zu zeigen, dass "die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten so beistehen, wie sie uns beigestanden haben". Eine Milliarde Dollar will Barack Obama im nächsten Jahr für diesen Solidaritätsbeweis ausgeben, für mehr US-Truppen und für mehr gemeinsame Übungen in Osteuropa.

Vom Oberdeck der Mount Whitney aus bietet sich durchaus das, was die US-Nato-Vertretung als "powerful visual" angekündigt hatte, ein, sagen wir, imposantes Seegemälde. Aus allen Himmelsrichtungen halten Marineschiffe auf die schwimmende Operationszentrale zu, Fregatten, Versorger, Patrouillenboote, Minensucher, Tanker. 27 Boote aus zwölf Ländern manövrieren sich vorsichtig in Formation, unter ihnen auch Nicht-Nato-Mitglieder wie Schweden, Finnland und Georgien. Kein Vertrag bestimmt das Bündnis, sondern die Geografie. Aus Deutschland stoßen zwei Schiffe dazu, die Fregatte Hamburg und der Versorger Tegernsee.

Manöver dienen, allgemein betrachtet, mindestens drei Zwecken: Teamwork zu üben, politische Symbole zu setzen und aus der Reaktion des Gegenübers zu lernen. Auf der Mount Whitney ist vor allem vom ersten Zweck die Rede, vom zweiten ein wenig und vom dritten gar nicht. Seltsam, denn dieses Schiff wiegt als Symbol mindestens mittelschwer – und zum Aushorchen der Russen ist es höchstwahrscheinlich hervorragend geeignet. Der 189 Meter lange, fensterlose Antennenträger war nach Ende des Kalten Krieges überall im Einsatz, wo es ernst wurde. Im Kosovokrieg 1999, im Irakkrieg 2003, im Libyenkrieg 2011. Kurz nach dem Georgienkrieg 2008 fuhr die Mount Whitney ins Schwarze Meer, offiziell lediglich, um Hilfsgüter abzusetzen. Vor der Schwarzmeerküste kreuzte sie auch während der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

Ist dieses Schiff nicht ein bisschen zu sehr Kriegsschiff für die im Grunde ja noch immer sehr friedliche Ostsee? Nein, antwortet Admiral Richard P. Snyder, Kapitän und Kommandant des Baltops-Manövers. Dass die Mount Whitney hierherkommen sollte, sei schon vor zehn Monaten entschieden worden, lange vor der Krimkrise. Das gelte auch für die anderen Schiffe. "Wir sind froh, dass diesmal so viele Partner dabei sind. Aber das ist keine Reaktion auf die Lage in der Ukraine." Sinn der Übung sei es schließlich nicht, einen "Feind" zu bekämpfen. Trainiert werde, anhand eines fiktiven Szenarios, vor allem die Minensuche. Die Fantasielandschaften, vor denen sich das Ganze abspielt, tragen Namen wie Plum Island oder Senland. Den deutschen Marinesoldaten, sagt einer von ihnen, habe man in mehreren Besprechungen vor dem Manöver eingeschärft, die Russen auf keinen Fall zu provozieren.

Moskau ist weniger zimperlich, sowohl in seiner Wortwahl als auch bei seinen Übungsszenarien. Die russische Armee hält jedes Jahr ein Landmanöver mit Namen Zapad ab, "Westen". Im vergangenen September ging es laut russischen Medienberichten darum, dass "Banditen" und "Terroristen" in Weißrussland und – von See kommend – in der russischen Enklave Kaliningrad Chaos angerichtet hatten und Ordnung und Stabilität wiederhergestellt werden mussten.

Rund um die Mount Whitney haben sich mittlerweile knapp dreißig Schiffe speerförmig feingruppiert, in 250 bis 500 Meter Abstand. Sie halten Kurs Süd, grobe Richtung Kaliningrad.

Die große Frage, sagt ein deutscher Offizier, der auf dem US-Schiff mitfährt, sei natürlich, wann das erste russische Schiff auftauche. Das geschehe bei diesen Übungen regelmäßig. Es sei kein Grund zur Panik. Jeder darf in der Ostsee herumkreuzen, der Grundsatz der Freiheit der Meere gilt auch hier – und die Russen wollen einfach mitverfolgen, was die Nato-Verbände treiben.