DIE ZEIT: Aus Deutschland soll Gefahr für die österreichische Sprache drohen: Im Supermarkt gibt es "Tomaten" statt "Paradeiser", und man hört immer öfter "Tschüs" statt "Servus". Müssen sich die Österreicher ernsthaft Sorgen machen?

Rudolf Muhr: Das Österreichische Deutsch ist auf jeden Fall gefährdet. Typische Wörter werden zunehmend durch "bundesdeutsche" ersetzt. Das ist nicht nur falsch, sondern unnötig. Wir haben genug eigene!

ZEIT: Das Österreichische Bildungsministerium will jetzt mit einer 64 Seiten starken Infobroschüre mehr Sprachbewusstsein an den Schulen schaffen. Was halten Sie davon?

Muhr: Das ist ein richtiger Schritt. Leider bezeichnet selbst die Broschüre korrekte heimische Wörter als Umgangssprache. Das lässt den Sprecher dümmlich wirken – quasi eine soziale Abwertung aufgrund von Sprache.

ZEIT: Laut einer Studie der Universität Wien sehen österreichische Lehrer das Bundesdeutsche oftmals als korrekter an.

Muhr: Das wird ihnen schon an den Universitäten so beigebracht. Lehrer unterrichten daher oft zweisprachig. Sie bemühen sich im Unterricht um die formale Standardsprache, aber wenn sie Schüler zurechtweisen, sprechen sie Österreichisch. Was man spricht, schreibt man nicht und umgekehrt.

ZEIT: Was genau ist Österreichisches Deutsch?

Muhr: Zunächst einmal kein Dialekt. Es ist eine Varietät der deutschen Sprache, die nicht weniger korrekt ist. Es gibt rund 20.000 Wörter, die spezifisch in Österreich verwendet werden.

ZEIT: Wodurch werden sie bedroht?

Muhr: Wir schauen deutsches Fernsehen und synchronisierte Filme. Da fragen sich die Leute zunehmend, ob die österreichischen Ausdrücke überhaupt richtig sind. Zudem orientiert sich besonders die um Abgrenzung bemühte Bildungselite gern an der Mehrheit im Nachbarland.

ZEIT: Was wäre die Lösung – ein Verbot deutscher TV-Sender, dazu Österreichisch-Kurse an Schulen?

Muhr: Man soll das Bundesdeutsch nicht verteufeln. Man muss aber auch keinen Hofknicks davor machen. Wir sind ein eigenes Land, und die eigene Sprache ist da ein wichtiges Merkmal. Typisch deutsche Wörter sollten auch gelernt, aber nicht vorrangig verwendet werden. Wenn man sich konstant an Deutschland orientiert, entfernt sich das, was wir sprechen, immer mehr von dem, was als formal korrekt gilt. So entsteht eine "linguistische Schizophrenie".