Der österreichisch-ungarische Außenminister während der Julikrise von 1914, Graf Leopold Berchtold, war bekannt als nonchalanter Grandseigneur. Doch auch er geriet in Rage, wenn ihn Kollegen später fragten, ob denn Erzherzog Franz Ferdinand das alles wirklich wert gewesen sei. Denn für ihn war der Krieg, den er 1914 erklärt hatte, mitnichten eine revanche pour Sarajevo, ein Feldzug, um den ermordeten Thronfolger zu rächen. Auch wenn sich ein Jahrhundert später alle möglichen Analogien ergeben mögen zu failed states, die Terroristen gewähren lassen oder sogar unterstützen: Das Attentat war aus Wiener Perspektive bloß der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, Teil eines viel breiter gefächerten Bedrohungsszenarios.

Was Österreich-Ungarn wirklich wollte und nicht bekam, und das schon seit Längerem, war eine Garantie für Ruhe an seiner Südgrenze. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Serbien sollte sich benehmen wie andere wohlerzogene europäische Kleinstaaten, wie Belgien beispielsweise, die den Großmächten nicht in die Quere kamen. Dieser Wunsch war ebenso verständlich wie unrealistisch.

Schon im Herbst 1912, als Berlin die Österreicher während des Ersten Balkankrieges von Überreaktionen abhalten wollte, hatte Berchtold dem deutschen Verbündeten ins Stammbuch geschrieben: "Es verträgt sich weder mit dem Prestige der Monarchie, noch kann es ihr vom finanziellen oder militärischen Gesichtspunkte zugemutet werden, daß sie sich noch einmal der Eventualität ausgesetzt sieht, wegen Serbien außergewöhnliche militärische Maßnahmen ergreifen zu müssen."

Inzwischen hatte Österreich-Ungarn 1912/13 mehrfach mobilisiert, Tausende Reservisten aus ihren zivilen Beschäftigungen gerissen und in die "Schluchten des Balkans" transportiert (einmal auch nach Galizien), bloß um sie dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu schicken. All diese Krisen liefen nach demselben Muster ab: Die Österreicher stellten ein Ultimatum und drohten mit einer Intervention, wenn Serbien (oder Montenegro) internationale Beschlüsse missachtete, sich also nicht an die Vorgaben der Großmächte hielt. Meist ging es dabei um die Integrität Albaniens, das auf Wunsch Berchtolds eben erst in einer Art politischer Zangengeburt zur Welt gekommen war. Serben und Montenegriner hatten jeweils im letzten Moment nachgegeben und die Österreicher ins Leere laufen lassen. Der "Herr der Schwarzen Berge", König Nikita von Montenegro, kombinierte diese Taktik offenbar sogar mit einem Börsenmanöver: Sobald er nachgäb und die unmittelbare Kriegsgefahr gebannt wäre, würden die Kurse vorhersehbarerweise steigen – aber nur er kannte den genauen Zeitpunkt, wann dies der Fall sein würde.

Die mehrfache Mobilmachung während der Balkankriege hatte die Habsburgermonarchie mehr Geld gekostet als ihre Version einer Luxusflotte, die nagelneue Schlachtschiffdivision der Viribus Unitis -Klasse. Österreich-Ungarn war von seinem Potenzial her ohnehin das ärmste Mitglied der europäischen Pentarchie, der fünf Großmächte, mit einer Bevölkerung größer als Frankreich, aber weit weniger Kapital. Die wirtschaftlichen Wachstumsraten waren im Prinzip zufriedenstellend. Doch Wachstum geht eben oft auch mit Schulden einher. Das elitäre, altliberale Parlament des 19. Jahrhunderts hatte auf ausgeglichene Budgets gedrängt. Der Reichsrat des allgemeinen Wahlrechts (ab 1907) hingegen war von Begehrlichkeiten geprägt, von Lokalbahnen bis zur Erhöhung der Beamtengehälter. Österreich rutschte vor 1914 immer tiefer in die roten Zahlen.

Vor allem aber litt die Habsburgermonarchie darunter, dass sie eben kein klassischer imperialistischer Staat war, mit einer Sonderkasse für koloniale Abenteuer. Kolonialmächte waren an exotische Schwierigkeiten an der Peripherie gewöhnt: Hereros, Senussi, Buren oder Berber. All diese Versionen von white man’s burden kosteten Geld – Geld, das, so ließe sich argumentieren, wenigstens dem eigenen Imperium zugutekam. Die Österreicher hingegen hatten Hunderte Millionen Kronen an "Zuschauerkosten", wie es ein boshafter Abgeordneter formulierte, ausgegeben.

Am Endergebnis der Balkankriege hatte sich trotz all dieser Anstrengungen wenig geändert. Serbien hatte sein Territorium verdoppelt, nach der Beseitigung der osmanischen Herrschaft im Süden konnte es seine Energien nun darauf verwenden, bei nächstbester Gelegenheit Österreich-Ungarn zu bekämpfen – nicht im Alleingang, selbstverständlich. Es würde der Donaumonarchie in den Rücken fallen, sobald diese anderswo gebunden war. Die strategische Lage des Habsburgerreiches hatte sich damit erneut verschlechtert.

Die Militärs wie Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf oder der Kriegsminister Alexander von Krobatin waren deshalb immer schon für Präventivkriege eingetreten. Auch wenn Conrad es bei einer Gelegenheit so formulierte: Er kenne keine Präventivkriege – nur erfolgreiche und erfolglose Kriege, letztere immer dann, wenn man den Gegner den Zeitpunkt bestimmen ließe. Der Primat der Politik blieb dennoch gewahrt: Kaiser Franz Joseph bestand strikt auf der Einhaltung von Kompetenzen und Ressortgrenzen.