Wer hier wohnt, ist aus dem Gröbsten raus. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, haben die Bierhoffs im Essener Stadtteil Bredeney ein neues Heim gefunden. Ganz in Weiß, mit einer Kamera über der Tür und einem großen Garten mit viel Rasen. Der Gärtner hat in das Grün die Linien einer Raute gemäht, ganz zart. Wie auf einem Fußballplatz.

Fußball, das ist das Stichwort. Fußball, das ist das Leben der Familie, die große Klammer. Rolf Bierhoff, promovierter Ingenieur, war Manager. Er gehörte dem Vorstand von RWE an, dem großen Essener Energieversorger, der damals im Geld nur so schwamm. Aber wenn er erzählt, dann von Fußball, als hätte es eigentlich nichts anderes gegeben. Und wenn er von Fußball spricht, dann ist er auch schon bei seinem Oliver.

Rolf Bierhoff war Torwart beim SG Düren 99, stand im Tor der Schülernationalmannschaft, Sepp Herberger hat ihn noch beobachtet. Er wäre so gerne Profispieler geworden, doch der Vater sagte: "Mein Sohn spielt nicht für Geld Fußball." Das schickt sich nicht. Ende der Diskussion. Rolf Bierhoff hat also Ahnung, er kommt zur Sache. Er lobt die besonderen Fähigkeiten seines Sohnes beim Kopfball. "Hochsteigen, die Brust durchdrücken, Kopf nach hinten und dann ab damit – alte Schule." Seine Schule.

Früher sind Vater und Sohn jede freie Minute auf den Bolzplatz gezogen. Wie viele Eltern wurde auch Rolf Bierhoff von dem Gedanken angespornt, seinen unerfüllten Traum wenigstens dem eigenen Kind zu ermöglichen. Also spielten sie sich die Bälle zu, sahen sich dabei an und erzählten Geschichten. Das war wichtig: Den Ball einfach zu vergessen, "Automatismen entwickeln", sagt der Vater heute über dieses Training, das gerade wieder so modern ist bei Nationaltrainer Joachim Löw und anderen.

Rolf Bierhoff, 1938 in Köln geboren, ist ein Mann, der das Leben leichtnimmt. Seine Frau ist Halbitalienerin, zu Hause ist es laut, immer was los, er komme kaum zu Wort, sagt der Vater. Dabei erzählt er so gerne. Als sich Rolf Bierhoffs Tochter Nicole von ihrem Mann, einem Rennfahrer, scheiden ließ, meinte der Vater der Braut leichthin: "Jut, dann sinne ma damit also auch durch."

Warum sein Sohn ganz anders ist als er, das hat sich Vater Bierhoff oft gefragt. Oliver mache vieles richtig und sei in sich sehr organisiert. "Wenn Oliver einen Raum betritt, dann füllt er ihn." Respekt komme ihm entgegen. "Ich sage Ihnen, diese Präsenz hat er nicht von mir!"

Rolf Bierhoff hält einen Moment inne. Sein Vater, Olivers Großvater, sei auch so einer gewesen, "irgendwo reingehen und sofort der Mittelpunkt sein". Der Opa habe die Familie immer an den englischen Schauspieler Charles Laughton erinnert.

Rolf Bierhoff ist jetzt richtig in Fahrt gekommen. Er blickt in den blauen Himmel über der Ruhr, die Sonnenbrille hat er neben den frisch gebrühten Espresso auf den Gartentisch gelegt, dann bricht es plötzlich aus ihm heraus: "Aber das ist nur das eine. Manchmal ist unser Sohn recht ernst, dann sage ich immer: Oliver, nimm alles ruhig etwas lockerer."

"Oli, was ist mit dir?" Seit zehn Jahren ist Oliver Bierhoff Manager der deutschen Nationalmannschaft, und es gibt immer wieder die Phasen, in denen er diese Frage förmlich anzieht. Er ist omnipräsent, wirkt zum Greifen nah und doch so fern, nicht zu durchschauen.

Zunächst hielt der 46 Jahre alte Fußballmanager wenig von der Idee, ihn bei den Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft zu begleiten, in die das deutsche Team am Montag in Salvador gegen Portugal starten wird. Er sei durchgetaktet bis zur letzten Sekunde, schrieb er freundlich per Mail, er wolle keine Zusagen machen, die er am Ende nicht einhalten könne. Was er nicht schrieb, was aber deutlich zu spüren war: Er hatte Sorge, wie so oft zuvor falsch verstanden zu werden. Dann sagte er schließlich zu. Seine Frau lese die ZEIT, und wenn etwas besonders interessant sei, dann bewahre sie ihm den Artikel auf.

Wenn er in den Raum kommt, dann begegnen ihm Respekt und Furcht

Wenn man den gut 1,90 Meter großen Oliver Bierhoff sieht, wie er dasitzt, über seinen Laptop gebeugt, dann scheint des Lebens Last wie ein Mühlstein an seinem Hals zu hängen. An diesem Morgen Anfang März wartet er in der Bar des Méridien-Hotels in Stuttgart. Er ist einer dieser Menschen, die nicht zu altern scheinen: Seine schlanke Figur erinnert eher an einen Leichtathleten als an einen ehemaligen Fußballprofi, dazu das noch immer jungenhafte Gesicht und die vollen, braunen Haare. Nur seine Augen verraten, wie es ihm wirklich geht. Ist er müde, wie an diesem Tag, dann wirkt ihr Blau gläsern, und die Schatten unter den Augen graben kleine Höhlen.

Am Abend spielen die Deutschen ein Freundschaftsmatch gegen Chile, bis zur Weltmeisterschaft sind es noch gut drei Monate. Oliver Bierhoff trägt die offizielle Trainingsjacke des DFB in den Farben Schwarz und Weiß. Weil das immer leicht trostlos aussieht, möchte er eigentlich "etwas mehr Farbe". Das hat er sich notiert. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Schreibheft mit schwarzem Deckblatt aus Leder, die Seiten ohne Linien. Sein Merkheft, die To-do-Liste. Was erledigt ist, hakt er ab mit feinem Stift. Er möchte, sagt der Manager der Nationalmannschaft, dass die Spieler mit Spaß und positiver Grundhaltung in die Spiele gehen, dass sie "lächelnd schwitzen". Keinem soll während der Weltmeisterschaft in Brasilien "eine zu große Last auf der Schulter liegen". Diese Last trägt er lieber selber.