Die Schweiz im Großen Krieg, diese Bilder von einer anderen Front dürften nicht allen gefallen: Während einige Kilometer weiter, in Frankreich, Deutschland, Soldaten im Kugelhagel sterben, baut gelangweiltes Militär diesseits der Grenze irgendwo in einem Kantonnement ein anarchistisches "Indianerdorf". Schweizer Soldaten inszenieren sich Bier trinkend, jassend auf dem Kopfsteinpflaster in Basel, organisieren, als Piraten verkleidet, ein wildes Hauen und Stechen in einem beschaulichen Obstgarten im namenlosen Mittelland, oder sie imitieren in einer Kaserne sexuell aufgeladene Bürst-Szenen. Andere malen sich die Buchstaben B-I-W-A-C-K einzeln auf die Hinterbacken und stecken sie in grammatisch korrekter Reihung dem Fotografen entgegen. Selbst die Pferde stellte man Arsch voran vors Kameraauge.

Braucht es da noch Worte?

Doch es gab auch sie, auf der Rückseite solcher grotesken Szenen ist etwa zu lesen: "M. w. M! Schik Dir da ein Helgeli, kam letzte Woche einer vorbei und drükte uns ab. Schade dass nicht das ganze Haus drauf ist. (…) Indessen die besten Grüsse n. B. v. d. Fritz." Oder so: "Auch wieder ein Lebenszeichen von mir. Haben uns hier photographieren lassen als Andenken. Haben schönes Wetter. Hören hier immer das Knattern aus dem Französischen. Viele Grüsse von Albert."

Die Texte und Bilder stammen aus einer Quelle, die in den Kriegsjahren einen Boom erlebte, auf standardisiertem Papier billig herzustellen, schnell zu belichten: die Fotopostkarte.

In den Jahren 1914 bis 1918 war sie das neue Massenkommunikationsmittel, Millionen davon zirkulierten in der Schweiz; ein Phänomen, vergleichbar mit der SMS-Kultur von heute. Gratis per Feldpost spediert, war die Postkarte die ideale Verbindung zwischen Soldat und den Liebsten zu Hause. Umso erstaunlicher: Als informelles, unzensiertes Bild des Ersten Weltkriegs – und als Gegenstück zu den offiziellen Armeebildern – war sie bislang weder für Militärhistoriker noch für Kulturwissenschaftler von besonderem Interesse. Das wird sich ändern – und zwar mit der Recherche, die die Fotostiftung Schweiz unternommen hat.

Unheimliche Kindsköpfe im großen Pfadilager

Auf Initiative von Peter Pfrunder befasst sich zum ersten Mal in der Schweiz eine Institution mit dem Leitmedium jener Jahre. Pfrunder regte vor zwei Jahren eine Bilduntersuchung an und ließ rund 1.500 Postkarten sammeln. Alles originale fotografische Abzüge, die von den Soldaten offen oder in Couverts an Angehörige und Freunde versandt oder als Erinnerung an die Grenzbesetzung aufbewahrt wurden. Die meisten Aufnahmen stammen von unbekannten Amateuren, Soldaten, die einen "Photo-Apparat" besaßen – der letzte Schrei und das Lifestyle-Gadget jener Zeit. Ort und Zeitpunkt der Aufnahmen lassen sich auf den Karten oft zwar nur rudimentär identifizieren, im besten Fall tragen sie ihre Legenden im Bild selbst, auf einer Schrifttafel, die mitfotografiert wurde, oder man kratzte die Informationen direkt ins Negativ.

Trotz unklarer Faktenlage bezüglich Ort und Zeit und Verfasser, die ernüchternde Tatsache nach Auswertung dieses Bilderschatzes ist: Die Botschaften von Soldaten, die visuellen und die schriftlichen, zeigen wenig Kriegsbegeisterung und dürftige Vaterlandsliebe. Im Gegenteil. Man ließ sich oftmals, ob verdrossen durch das lange Warten, beflügelt durch den Gruppendruck oder verführt durch die Kamera, zu öffentlichen und zu veröffentlichenden Szenen hinreißen, die, gelinde gesagt – von unheimlicher Kindsköpfigkeit und blinder Verantwortungslosigkeit waren.

Am 3. August 1914 rückten 220.000 Männer in die Armee ein, die bisher größte Mobilmachung der Schweizer Geschichte. Bundesrat und Parlament stellten sich auf einen europäischen "Krieg von ungeheurer Ausdehnung" ein. Es galt, die Grenze zu besetzen und die Neutralität aufrechtzuerhalten. Man war im Ungewissen, lebte in Angst, doch man durfte ohne Zweifel das Gefühl haben, einem Ereignis von epochaler Bedeutung beizuwohnen. Wie ist es möglich, dass Soldaten in diesem Moment der Geschichte ihre Aufgabe als großes Pfadilager erlebten? Und wie konnten derart subversive Bilder die offizielle Zensur passieren?

Peter Pfrunder hat seine Auswertung in eine Ausstellung münden lassen, der Limmat-Verlag hat den Katalog mit unerhörten Bildtafeln publiziert. Und der Regisseur Heinz Bütler hat in Zusammenarbeit mit der Fotostiftung einen Film realisiert, der die Hintergründe von einer kompetenten Runde beleuchten lässt: Beatrice von Matt, die Literaturwissenschaftlerin, Georg Kreis, der Historiker, und Anton Holzer, der Fotohistoriker. Kommen sie auf Antworten, die befriedigen?

Nein. Sie kommen über Mutmaßungen nicht hinaus. Wozu die Selbstdarstellungs- und Männlichkeitsrituale, die Verulkung des Betriebs? Ein Stresssymptom? Versprach man sich beruhigende Wirkung bei den Zuhausegebliebenen? Ist es denkbar, dass solche Bilder in anderen Ländern ungestraft hätten verschickt werden können? Was heißt das für die Umsicht der Verantwortlichen? Und überhaupt: Gilt also auch für die Schweiz, dass in einer Krise die Moral immer die erste Verliererin ist?