Reinhard Höppner, der am Pfingstwochenende verstorben ist, werde ich immer für seine mutigste Entscheidung in Erinnerung behalten. Es war die Entscheidung zum "Magdeburger Modell", zu einer rot-grünen Minderheitsregierung, die sich von der PDS tolerieren ließ. Wir haben sie 1994 gemeinsam durchgesetzt. In einer Zeit also, in der niemand sich vorstellen konnte, dass so etwas möglich sei.

Höppner und ich, wir hatten uns schon in der DDR gekannt, waren ja beide Kirchenmänner gewesen. Zur Landtagswahl 1994 traten wir in Sachsen-Anhalt jeweils als Spitzenkandidaten an – er für die SPD, ich (in einer Doppelspitze) für die Grünen. Meine Grünen schafften gerade so 5 Prozent, Höppners SPD kam auf 34 Prozent. Die FDP flog aus dem Landtag. CDU-Regierungschef Christoph Bergner hatte damit keinen Koalitionspartner mehr. Für SPD und Grüne reichte es aber auch nicht.

Noch am Wahlabend hatte Höppner die Idee, die Minderheitsregierung zu bilden, aber davon erfuhr ich nichts. Als ich am Montag in den Landtag kam, hieß es auf einmal: Herr Tschiche, hammse schon gehört? Die SPD will es wagen! Sich vier Jahre nach der Einheit von der PDS, von der Ex-SED, tolerieren zu lassen – ich war platt. Höppner holte sich das Okay von Rudolf Scharping, der damals SPD-Chef war. Nachts um ein Uhr rief er wieder bei mir an: "Es kann losgehen." Natürlich hatte ich als früherer Oppositioneller in der DDR kein einfaches Verhältnis zur PDS, Höppner ging es ähnlich. Aber wir waren Pragmatiker. Und ich sagte schon damals: Dass wir die PDS mitspielen lassen, ist die neue Normalität. Ich hab mich ohnehin immer geärgert, dass alle nur auf der PDS herumtrampelten, die Mitglieder der ehemaligen Blockparteien hingegen eine weiße Weste haben sollten.

Wir mussten wahnsinnig Gegenwind aushalten. Kurz nach Höppners Vereidigung begann der Bundestagswahlkampf 1994. Die CDU startete bundesweit ihre "Rote-Socken-Kampagne", sie wollte den Leuten vor Magdeburger Verhältnissen in Bonn Angst machen. Leider ist ihr das wohl auch gelungen, denn die CDU gewann ja wirklich noch die Wahlen. Ich glaube, einige hatten damals etwas nicht verstanden. Nämlich, dass sich da der Osten mit einem völlig neuen Politikentwurf zu Wort gemeldet hatte. Dass Höppner sein Magdeburger Modell wagte, war ein Zeichen. Der Osten behauptet sich! Uns gab das Selbstvertrauen.

Höppners stoische Ruhe fand ich beeindruckend. Er war nie ein Typ, der groß aufschlug, sondern ein kluger Taktiker. So sind wir vier Jahre lang ohne große Krisen durch die Koalition gekommen. 1998 flogen wir Grünen aus dem Parlament. Höppner hat seine Minderheitsregierung ohne uns Grüne noch bis 2002 fortgesetzt. Ich höre heute oft, das Magdeburger Modell sei ein Fehler gewesen. So ein Quatsch. Ich fand es legendär. Ich fand auch ihn legendär. Schade, dass viele vergessen haben, wie gut Höppner das Land regierte. Er war ein hervorragender Politiker. Und ein selbstbewusster Ostdeutscher in einer Zeit, in der das noch nicht so normal war.

Protokoll: Martin Machowecz