Die Geschichte hat es rasend eilig damals, in den Jahren der polnischen Revolution. Zehn Jahre braucht diese, um einen kommunistischen Staat friedlich in eine Demokratie zu verwandeln. Winter 1981: Die Planwirtschaft bricht fast zusammen, die polnische Bevölkerung protestiert, das Kriegsrecht wird verhängt, und die Gewerkschaftsbewegung Solidarność mit Lech Wałęsa verwandelt die Unruhe und den Zerfallsprozess in zivile Politik – selbst in der Illegalität. Diese friedliche Revolution, die seit 1980 Fahrt aufnahm, die den Eisernen Vorhang zur Seite schob und den ganzen Kontinent veränderte, trug die Handschrift eines polnischen Europäers: Bronisław Geremeks.

Als jüdischer Junge überlebte er das Warschauer Ghetto, wurde nach dem Krieg zum Kommunisten, verkörperte als Mediävist in Paris neben den großen Historiker-Kollegen der französischen Annales die namhafte polnische Historikerschule, kehrte nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag 1968 den Kommunisten den Rücken und ließ seit den Streiks auf der Danziger Lenin-Werft die Wissenschaft ruhen, um Wałęsa als Berater zur Seite zu stehen – über Verhaftung und Internierungslager hinaus. In den späten achtziger Jahren wurde Geremek zum Strategen der Verständigung mit den regierenden Kommunisten, bis der Übergang in eine Demokratie geschafft war. Was sonst, wenn nicht diese Revolution, kann man ein politisches Wunder nennen, das zugleich ein durchdachtes Meisterwerk war? Geremek, der spätere Außenminister und Europaparlamentarier, hat vorgeführt, dass ein Revolutionär langen Atem braucht: für jene longue durée, von der der Historiker Geremek und sein Kollege Fernand Braudel in ihren Büchern wussten.

Jetzt hat der Publizist Reinhold Vetter, 25 Jahre nach den ersten (halb)freien Wahlen in Polen, die erste Biografie Geremeks geschrieben, auf der Grundlage der historischen Quellen und vieler Zeitzeugen-Berichte. Ihm ist damit zugleich eine lebendige Geschichte Polens im 20. Jahrhundert gelungen. Bronisław Geremek hat sie am eigenen Leibe erlitten, geistig durchdrungen und politisch geprägt. Und die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Intellektuellen kann heute noch jedes europäische Herz bewegen.