Wie oft hört man, es gebe nichts mehr zu entdecken in unserer Zeit, in der fast jeder Punkt der Erde auf Satellitenbildern vom Sofa aus zu betrachten ist? Speläologen aber, wie der am vergangenen Wochenende verunglückte Johann Westhauser, beweisen uns immer wieder das Gegenteil. Die Höhlenforscher zeigen: Selbst in Deutschland, quasi vor unserer Haustür, sind unglaubliche Welten verborgen, die noch kein Mensch gesehen hat – fein verästelte Labyrinthe, reich dekorierte Hallen, bodenlos tiefe Schluchten.

Diese Welten liegen im Untergrund und sind mitunter fast so schwer zu erreichen wie fremde Planeten, obwohl es von Städten oder Bundesstraßen oft nur wenige Kilometer sind. Nur an Seilen und durch extrem enge Felsstollen kann man in viele der Höhlenpassagen vordringen. Man muss sich auf alle im Team verlassen können, es braucht Mut und Hartnäckigkeit, vor allem aber extreme Vorsicht.

Denn wie der Unfall von Johann Westhauser in der Riesending-Höhle am bayerischen Untersberg zeigt: Wenn etwas schiefgeht, ist eine Rettung nur mit extrem großem Aufwand möglich, manchmal auch gar nicht. Wasserfälle müssen umtragen, Schächte mit Seilwinden ausgerüstet werden. Und es gibt Engstellen, die mit einem bewegungslosen Verletzten nicht zu passieren sind.

Die Lage kann blitzschnell umschlagen

Als ich vor einigen Jahren mit Westhauser und anderen Speläologen der ARGE Bad Cannstatt für eine Geo-Reportage als erster Journalist mit ins Riesending absteigen durfte, habe ich selbst erlebt, wie schnell eine scheinbar sichere Situation in der Unterwelt aus dem Ruder laufen kann. Während des Rückwegs trat einer der Höhlenforscher, der am Seil über uns durch einen mehr als 100 Meter hohen, senkrechten Schacht kletterte, aus Versehen einen Stein los. Das Geschoss, etwa so groß wie ein Bierkasten, rauschte im Dunkeln an uns vorbei – und verschwand.

Wir hatten Glück. Und wir hatten nichts falsch gemacht. Aber es war extrem knapp, nur um ein paar Meter hatte der Stein uns verfehlt. Umso glücklicher war ich, als wir sechs Stunden später, nach einem kräftezehrenden Aufstieg am Seil, endlich wieder den sicheren Höhlenausgang erreichten. Zumal Steinschlag ja auch nicht die einzige Unwägbarkeit in der Tiefe darstellt.

Wetterumschwünge können die Katakomben innerhalb weniger Stunden mit Wasser volllaufen lassen. Das Essen kann ausgehen. Ein Knöchel knickt um, während man sich durch die Engstellen schlängelt: Ist man weit genug von der Oberfläche entfernt, kann das allein schon genügen, um einen akut in Gefahr zu bringen.

Was für Menschen sind das, die sich solchen Risiken aussetzen? Für einige Speläologen ist die Höhlenbefahrung, wie sie ihre Expeditionen in der Fachsprache nennen, nur Mittel zum Zweck: Mikrobiologen suchen in der Unterwelt nach extremen, noch unbeschriebenen Lebensformen. Geowissenschaftler schätzen die Höhlentropfsteine als einzigartig präzise Klimaarchive. In gefluteten Höhlensystemen wie auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán finden Archäologen Menschen- und Tierskelette, die sich wie Zeitkapseln über Jahrtausende perfekt erhalten haben. Hydrologen – wie ich sie in China begleitet habe – verfolgen die Wege von unterirdischen Wasserläufen, um geeignete Plätze für Brunnenbohrungen aufzuspüren.

Überschaubare Szene aus Entdeckern

Die meisten Entdecker der Tiefe, insbesondere jene aus der überschaubaren Szene der Höhlenforscher in Deutschland, erkunden die Unterwelt aber als Amateure. Im Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher sind 88 höhlenkundliche Vereine organisiert. Ihre 2.500 Mitglieder arbeiten tagsüber als Manager, Ingenieure oder Bauphysiker. Sitzen wochenlang im Büro, haben Familie.

Was sie trotzdem immer wieder hinab in die Unterwelt zieht, ist die Aussicht, mitten in Europa noch Terra incognita zu entdecken. Höhlenforschung sei die "Raumfahrt des kleinen Mannes", erklären sie, eines der letzten Refugien unserer Zeit für die puristische Form der Neugier. Ihr Ziel ist es, neue Gangsysteme und Hallen zu entdecken – und sie als Erste zu kartieren.