Das Postauto muss warten. Das Dutzend Kühe, schwer behängt mit Treicheln, hat keine Eile. Frisst hier. Schaut da lang. Wedelt mit dem Schwanz eine Fliege weg. Mit lauten "Ela!"-Rufen lockt der Bauer, schön aufgemacht in seinem schwarzen Sennenchutteli, die Rindviecher, unterstützt von Frauen, die mit rudernden Armen die Herde talaufwärts treiben. Es ist Alpaufzug.

17.000 Älpler treiben dieser Tage 400.000 Kühe, Rinder und Kälber, 200.000 Schafe, Ziegen und Pferde in die Schweizer Berge oder verfrachten sie in Lastwagen und Viehanhängern auf Höhen mit so sinnigen Namen wie Alp Dräckloch, Sandalp oder Alp Bösbächi. Doch auf den 7.000 Schweizer Alpbetrieben wird nicht nur gesömmert, gefressen, gemolken, gekäst – sondern auch gestorben.

In den Bergen lauern Gefahren. Zum Beispiel für das Vieh. Steile Abhänge, schroffe Felsen und – besonders schlagzeilenträchtig – immer mehr wildes Raubgetier.

Und so werden auch dieses Jahr die sommerlochgeplagten Medien Bärenliebhaber, Wolfflüsterer und Luchshasser gegeneinander ausspielen. Experten werden über Herdenschutz und Hirtenhunde diskutieren. Und irgendein Walliser findet sich immer, der all diese Viecher am liebsten abknallen würde.

Aber muss sich das Vieh tatsächlich vor fletschenden Raubtierzähnen fürchten? Ein Blick in die Statistik sagt: Nein.

Aber der Reihe nach. Am gefährlichsten ist der Alpsommer für die Schafe. Zwei von hundert Tieren kehren nie mehr ins Tal zurück. 4.200 Stück starben im Jahr 2011, damals wurden die wolligen Kadaver das letzte Mal wissenschaftlich gezählt. Denn die Schafe weiden dort, wo keine Kuh mehr grast. Im unwirtlichen Gelände, in unwegsamen Tobeln, fernab jeder Zivilisation suchen sie nach Grünzeug.

Zäune gibt es da oftmals keine. Manchmal sind die Herden tagelang ohne Aufsicht, oder ein Hirt schaut aus der Ferne, durch die Linse seines Fernglases, nach seinen Tieren. So sind sie ein gefundenes Fressen für Wolf, Bär und Luchs: 2012 rissen sie 17 (der Luchs), 23 (der Bär) beziehungsweise 121 (der Wolf).

Ist das viel? Mitnichten. Auch wenn hierzulande jeder Wolfsriss registriert, bäuerlich beweint, medial verhandelt und mit Bundesgeldern entschädigt wird: Die Raubtiere verleiben sich nur 6,3 Prozent aller getöteten Schafe ein. Die meisten Schafe kommen ums Leben, weil sie vom Blitz getroffen oder von Steinen erschlagen werden oder über Felswände abstürzen. Andere verenden, weil Krankheiten nicht rechtzeitig behandelt werden oder aber, weil der Hirte am Ende des Sommers seine Schäfchen schlicht nicht mehr findet.

Einen body count für Alpkühe gibt es jedoch nicht. Beim Bundesamt für Landwirtschaft führt niemand Buch darüber. Für die Direktzahlungen sei dies auch nicht relevant, lautet der lapidare Kommentar aus der Amtsstube. Einen Hinweis geben die Zahlen der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega. Dort gehören Kühe in den Sommermonaten zu den besten Kunden. Gut zehn Prozent der von der Rega organisierten Flüge gelten nämlich Rindviechern – und nicht abgestürzten Bergsteigern oder gestrauchelten Wandervögeln. Von den 1.139 Kühen, die letztes Jahr auf diese Weise geborgen und ins Tal geflogen wurden, waren 672 tot. Und so weiß jeder schlaue Bauer: Eine Familiengönnerschaft der Rega für 70 Franken ist gut investiertes Geld. Denn damit sind nicht nur Frau und Kinder versichert – sondern jedes einzelne Tier seiner Herde.