An der WM erlebt die Restschweiz, was wir Baslerinnen längst wissen: Zusammen Fußball sehen macht einfach mehr Spaß. Wer nicht in einer Beiz ist und auf Großleinwand das Spiel verfolgt, sitzt bei Freunden auf einem Kasten Bier. Eine Fußball-WM ist das geselligste und sozialste Fernsehereignis unserer Zeit. Ich habe Freundinnen, die behaupten sogar, sie könnten anhand des Verkehrspegels sagen, ob ein wirklich wichtiges Match läuft. Ich achte mich da etwas weniger, denn ich schaue lieber selbst und freue mich nicht nur über tolle Spiele und knackige Spieler, sondern auch daran, wie Männer beim Fußball ihren Emotionen freien Lauf lassen. Etwas, das sie sich sonst kaum getrauen. Schade, den meisten steht das nämlich ganz gut.

Heuer aber ist meine Vorfreude auf die WM durchzogen. Nicht wegen der Austragungszeiten. Nicht, weil die Partien weniger spannend wären. Nein, es ist die Veranstalterin selbst, der Weltfußballverband Fifa mit Sitz in Zürich. Bei seiner Gründung 1907 hatte der kommerzielle Fußball – wie überhaupt der kommerzielle Sport – nicht den heutigen Stellenwert. Wer das Buch über die Landi 1939 hervornimmt, staunt: Sport fand sich gerade auf einer der fast 200 Seiten. Heute dauert im Fernsehen der Sport-Jahresrückblick länger als jener auf die politischen Ereignisse.

Die totale Kommerzialisierung des Sports brachte gigantische Geldflüsse in Bewegung. Im Club-Fußball sieht man das gut: Hielten sich Oligarchen früher Rennpferde, Mätressen oder Kamele, leisten sie sich heute Fußballclubs. Wettbetrug ist lukrativ geworden.

Vor 100 Jahren lag der Umsatz der Fifa bei ein paar Hundert Franken, heute bei 1,5 Milliarden – und das bei reduzierten Gewinnsteuern. Der Verband ist eine abartige Geldmaschine mit allen negativen Begleiterscheinungen: Was bei der Tour de France das Doping, ist bei der Fifa die Korruption.

Strafrechtlich zu befürchten haben Sportfunktionäre bisher wenig. Sie dürfen sich in der Schweiz schmieren lassen, ohne dass dies von Amtes wegen verfolgt würde. Demnächst wird das Parlament in Bern entscheiden, ob Korruption auch im Sport zum Offizialdelikt wird. Ausgerechnet die Fifa-Granden wollen das nicht – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Interne Reformen kommen seit Jahren nicht voran. Vielleicht gingen sie flotter vonstatten, wenn die Führungsriege mal in der mörderischen Hitze geschmort würde; wie die Arbeiter in den Stadien in Katar, die für die WM 2022 schuften.

Ausgerechnet im fußballverrückten Brasilien ist die Stimmung in der Bevölkerung schon im Vorfeld der WM gekippt. Zu groß ist der Widerspruch zwischen dem Elend in den Favelas und den Milliarden, die für Stadien hingeklotzt werden, die nachher keiner braucht. Der Herr der Fifa-Bälle, Sepp Blatter, soll dem Vernehmen nach nicht einmal eine Eröffnungsrede halten. Wie man hört, aus Angst, ausgebuht zu werden. Unter uns: Diese Angst ist berechtigt. Und sie sollte Ansporn sein, den Fußball wieder dorthin zu bringen, wo er hingehört: in eine Zone korruptionsfreier Begeisterung. Damit wir Fußball-Feste feiern können, bei denen höchstens das Bier einen schalen Beigeschmack hat.