"Viele Frauen denken, an der Uni passiert mir nichts" – Seite 1

DIE ZEIT: Wie oft werden deutsche Studentinnen Opfer sexueller Gewalt?

Katrin List: Vergewaltigungen an Hochschulen sind sehr selten. Sexuelle Belästigung hingegen ist weit verbreitet: 81 Prozent der Studentinnen haben das schon einmal erlebt. Mehr als jede zweite fühlt sich an der Uni belästigt.

ZEIT: Für Ihre Studie, die 2012 veröffentlicht wurde, haben Sie knapp 13.000 Studentinnen aus ganz Deutschland zu sexuellen Übergriffen befragt. Was fällt darin unter sexuelle Belästigung?

List: Als sexuelle Belästigung kann es bereits empfunden werden, wenn ein Mann einer Frau hinterherpfeift. Darunter fällt aber auch, wenn Männer über den Körper einer Frau reden, ihr unnötig nahe kommen oder versuchen, sie zu küssen.

ZEIT: Ist bloßes Hinterherpfeifen wirklich schon sexuelle Belästigung?

List: Vielleicht nicht für jeden. Doch sobald es einer Frau unangenehm ist, empfindet sie es als Belästigung. Ich habe darüber mit Studentinnen und Studenten in einer Vorlesung diskutiert. Die Männer sagten: Das ist doch ein Kompliment, wenn wir einer Frau hinterherpfeifen. Studentinnen sahen das aber ganz anders. Das war den Männern vorher nicht bewusst.

ZEIT: Von wem werden Studentinnen an Hochschulen in Deutschland in der Regel belästigt?

List: Meistens sind es Kommilitonen, die aber gleichzeitig auch Freunde, Partner und Expartner sein können. Also Männer aus dem Umfeld.

ZEIT: Was ist mit Dozenten oder Professoren, werden die auch übergriffig?

List: Um die Relationen zu sehen: 3,3 Prozent der Befragten gaben an, während ihrer Studienzeit sexuelle Gewalt im strafrechtlichen Sinne erlebt zu haben. Während die Mehrzahl der Täter Kommilitonen waren, gaben 7,7 Prozent der Betroffenen an, dass auch Hochschullehrer übergriffig wurden. So etwas passiert also sehr selten. Leider befürchten Studentinnen generell, übergriffige Lehrende würden von der Uni geschützt und eine Beschwerde bliebe ohne Konsequenzen. Deshalb erfahren die Unis nichts davon – und können nicht zeigen, dass sie sehr wohl auch gegen Hochschullehrer vorgehen würden.

ZEIT: Wo geschehen die sexuellen Übergriffe?

List: Wenn sie an der Uni passieren, dann meist in Seminarräumen oder in Büros. Häufiger aber da, wo niemand damit rechnet: in der eigenen Wohnung oder in der Wohnung eines Bekannten. Das ist das Problematische an den Ergebnissen unserer Studie: Die Vermeidungstaktiken, die Frauen seit ihrer Kindheit gelernt haben, sind in diesem Zusammenhang wirkungslos.

ZEIT: Welche Vermeidungstaktiken meinen Sie?

List: Frauen fürchten sich, wenn sie draußen im Dunkeln unterwegs sind, sie meiden bestimmte Orte wie Parkhäuser oder besuchen im Winter abends keine Vorlesung aus Angst vor dem Heimweg. Die Daten legen aber nahe, dass an diesen Orten gar keine überdurchschnittlich große Gefahr lauert. Auch wenn ich natürlich trotzdem keiner Frau raten würde, nachts allein durch Parks zu spazieren, zeigt die Studie: Die Gefahr sexueller Übergriffe besteht im sozialen Nahbereich. Und davor kann sich letztlich keine schützen.

ZEIT: Sie haben herausgefunden, dass sexuelle Übergriffe in der Lebensphase des Studiums häufiger vorkommen als in jeder anderen Phase des Lebens. Woran liegt das?

List: Am Anfang des Studiums orientieren sich junge Frauen neu. Häufig ziehen sie in eine fremde Stadt, suchen sich neue Freunde und Partner, gehen auf Partys. Dort, wo junge Menschen sich ausprobieren, besteht die Gefahr, in unangenehme Situationen zu geraten. Andere Studien zeigen, dass das Risiko steigt, wenn Alkohol im Spiel ist.

Bis vor Kurzem war sexuelle Gewalt an der Uni ein Tabu

ZEIT: Und die männlichen Kommilitonen, müssen die sich auch ausprobieren? An der Uni erwartet man nicht unbedingt Vergewaltiger ...

List: Männer an der Uni sind so, wie sie vermutlich überall sind. Viele Frauen denken: An der Uni passiert mir nichts, da sind nur gebildete und aufgeklärte Menschen, mit denen man reden kann. Genau diese Vorstellung könnte dazu beitragen, dass Betroffene eher weniger über sexuelle Übergriffe sprechen. Die passen häufig nicht in ihr Weltbild, auch nicht in das der Universität. Doch wenn die Betroffenen aus Scham nichts sagen, schützt das die Täter.

ZEIT: Belästigung wird im Gegensatz zu Vergewaltigung und Nötigung strafrechtlich nicht verfolgt. Was kann man unternehmen, wenn ein Kommilitone einem wiederholt unangenehm zu nah gekommen ist?

List: Die Ergebnisse zeigen, dass selbst dann, wenn es an der Uni passiert, sich Betroffene eher nicht an die zuständigen Stellen wenden. Das aber wäre wichtig, denn dann könnten auch Gespräche mit dem Täter geführt werden. Die Uni kann auch ein Hausverbot aussprechen.

ZEIT: Wie offen gehen die Unis denn mit dem Thema um?

List: Bis vor Kurzem war sexuelle Gewalt an der Uni ein Tabu. Wir haben in ganz Deutschland Hochschulen gefragt, ob sie bei unserer Umfrage mitmachen. Einige, auch große, haben einfach gesagt: Nein, bei uns gibt es das nicht. Das bezweifle ich stark. Sexuelle Gewalt gibt es überall, nur wissen die Unis nicht viel darüber.

ZEIT: Das war 2009, zu Beginn Ihrer Befragung. Was hat sich seitdem geändert?

List: Einige Unis sind dann sehr offen mit den Ergebnissen unserer Studie umgegangen: die RWTH Aachen, die Humboldt Universität in Berlin und die Uni Oldenburg etwa. Sie haben mit unseren Ergebnissen weitergearbeitet, machen Informationsveranstaltungen, bieten spezielle Beratung oder schulen die Dozenten. So kommt heute immerhin keine Uni mehr daran vorbei, auf ihrer Website darauf hinzuweisen, wo man sich im Falle sexueller Übergriffe Hilfe holen kann. In der Regel sind die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten die erste Anlaufstelle. Die Präsenz solcher Informationen könnte aber häufige besser sein.