Meine Freunde hatten mir von Hamburg erzählt. Eine großartige Stadt, meinten sie.

Und was wir beim Einfahren in den Bahnhof sahen, schien ihnen recht zu geben. Doch dann stand Hans, unser Gastgeber, vor mir, drückte mir eine Karte in die Hand und deutete auf den rot umgrenzten Bereich im Nordosten der Stadt. Wir dürften diese Grenzen nicht verlassen, erklärte er mir höflich, aber bestimmt.

Das war der Deal, auf den ich mich eingelassen hatte. Zwei Tage lang sollte ich Rahlstedt erkunden und anschließend in einer Matinee erzählen, was ich gesehen habe und warum man Großartiges erlebt, wenn man langsam reist. Das hatte das KulturWerk Rahlstedt vorgeschlagen. Ich habe zehn Jahre lang als Reiseautor für britische Zeitungen gearbeitet, 2011 ein Buch über Slow Travel geschrieben. Seither war ich nicht mehr im Urlaub. Ich habe ein Internetunternehmen gegründet, das ist ziemlich stressig. Die Einladung aus Rahlstedt kam zum perfekten Zeitpunkt. Mein Leben hat gerade herzlich wenig mit langsamem Reisen zu tun. Meine Freundin und ich fühlten uns urlaubsreif. Und der Plan des KulturWerks hörte sich nach einem Abenteuer an. Aber ich hätte nicht erwartet, dass es eine so unvergessliche Reise werden würde.

Jede Reise beginnt mit dieser Nervosität. Wir standen am Bahnhof St. Pancras in London. Der Warteraum war voller Anzugträger mit kleinem Koffer, die sich an ihre Pässe klammerten und auf die Informationstafeln starrten. Wenn man reist, verliert man seine alltäglichen Haltepunkte, die einem sagen, wer man ist und wo man ist. Man ist irgendwie dazwischen, schon weg, aber auch noch nicht da. Das ist beunruhigend. Vielen scheint dieses Gefühl Unbehagen zu bereiten. Ich hingegen mag es, nicht mehr in der Vergangenheit zu sein, aber auch noch nicht in der Zukunft. Eine Reise ist wie die Liebe: mysteriös, unsicher, unvorhersehbar.

Als ich nach Rahlstedt eingeladen wurde, wusste ich, das muss ich zugeben, nicht einmal, wo Hamburg liegt. Ich hatte von Hamburg in meinem Leben genau zweimal gehört: 1980 wechselte Kevin Keegan vom Hamburger SV zum FC South Hampton, meinem Fußballklub. Das war ein Riesencoup! Und ich hatte einmal gelesen, dass die Beatles in Hamburg richtig gut geworden waren.

Für mich ist der schönste Moment einer Reise, wenn der Zug aus London in Frankreich den Tunnel verlässt, ich auf mein Handy schaue und keinen Empfang mehr habe. Ich reise immer per Zug, am liebsten per Nachtzug, in ein Flugzeug bekommt mich keiner mehr hinein. Das hat dazu geführt, dass ich viele Jahre fast nur in England Urlaub gemacht habe. Aber vor 18 Jahren fragte mich dann mein bester Freund, ob ich sein Trauzeuge werden könnte. Er heiratete in Polen. Ausgerechnet an meinem Abreisetag gab es einen Bombenanschlag, meine Züge wurden gestrichen. Meine Reise wurde zu einem Abenteuer – und meine Erleuchtung. In Warschau merkte ich: Meine Freunde waren mit dem Flugzeug dort angekommen, ich war dorthin gereist. Ich fühlte mich anders, aber in einer Weise, die ich den anderen nicht erklären konnte. Seither reise ich nur noch langsam.

Wir erreichten Hamburg um 7.30 Uhr morgens. Es war ein eigenartiges Gefühl, diese Stadt, die so viele Touristen anzieht, nur kurz zu sehen und dann nach Rahlstedt zu fahren. Auf dem Weg dorthin fielen mir die Häuser auf, die alle in derselben Zeit gebaut zu sein schienen. Ich war schon mehrfach in Deutschland, aber das habe ich bisher nie bewusst gesehen. Ich fragte mich, wie es sich auf die Identität eines Stadtteils auswirkt, wenn er keine sichtbare Geschichte hat.