War nun alles doch nicht so schlimm? Am D-Day in der Normandie kamen von Wladimir Putin versöhnliche Signale. Er versprach, die russische Grenze besser zu überwachen, damit keine bewaffneten Kämpfer mehr in die Ostukraine gelangen. Er redete mit dem neuen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Am Wochenende traf sich wieder die Kontaktgruppe mit der Ukraine, Russland und der OSZE. Zeichen einer leichten Entspannung.

Aber die Krise ist nicht vorbei. Poroschenko hat zwar einen Friedensplan vorgelegt, doch der Krieg im Osten der Ukraine geht weiter. Die Krise ist nicht vorbei, weil die Krim von Russland annektiert bleibt. Weil Putin keinen sichtbaren Kurswechsel vorgenommen hat. Und weil immer mehr Europäer glauben, dass im Verhältnis zu Russland grundsätzlich etwas kaputtgegangen ist. Genau das spürt man dieser Tage, wo immer westliche Diplomaten und Politiker über Russland sprechen. Einer von ihnen fasste es so zusammen: "Russland ist unberechenbar geworden. Und Unberechenbarkeit ist der größte Feind der Partnerschaft."

Solche Einsichten haben das Denken in Europa in Bewegung gebracht. Wenn die Fundamente jener Ordnung nicht mehr stimmen, die Europa seit 1990 Krisenfestigkeit und Frieden brachte, worauf soll man sich dann verlassen? Die goldenen 25 Jahre seit dem Ende des Kalten Krieges, in denen Europa prosperierte, die EU sich erweiterte und Russland mit sich selbst beschäftigt war, diese Jahre sind vorbei. Eine neue Ära beginnt, die nicht der alte Kalte Krieg ist, aber gewiss teurer und unangenehmer wird. Das Umdenken findet derzeit vor allem in drei Bereichen statt: Energiepolitik, Verteidigung und Diplomatie.

In der EU kommen neuerdings Zweifel an Thesen auf, die noch vor Jahresfrist nicht hinterfragt wurden. Zum Beispiel jene der stabilen gegenseitigen Abhängigkeit von Russland als Gaslieferant und Europa als Gaskonsument. "Auf dieses Verhältnis kann man sich nicht mehr verlassen, wenn der Produzent die Energie mehr als politischen Hebel denn als Einkommensquelle sieht", sagte der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), Wolfgang Ischinger, Ende Mai auf einer Konferenz der MSC und des Frankfurter Allgemeine Forums in Berlin.

Je abhängiger ein Staat von russischem Gas, desto größer seine Nervosität

Europa hat sich um seine Gasversorgung lange Zeit keine großen Sorgen gemacht. Der Kontinent ist von großen Gasproduzenten umgeben. Und wer geografisch näher an Russland liegt, bezog bisher den Hauptteil seiner Importe von dort. In Deutschland macht der Anteil Russlands rund 40 Prozent der Gaseinfuhr aus. Eine Frage der Wirtschaftlichkeit, keine der Strategie. Dieses Denken ändert sich.

Frank-Walter Steinmeier verglich auf der Berliner Energiekonferenz die Gaskrisen, welche die Ukraine vor sechs und acht Jahren mit Russland hatte, mit der von heute. "Früher standen diese Gaskrisen der Ukraine allein da, sie wurden isoliert gelöst", sagte er. "Heute stehen sie im großen Zusammenhang der Beziehungen von Europa zu Russland." Je größer die Abhängigkeit eines EU-Staates von russischem Gas sei, desto größer die Nervosität. Deshalb würden Europäer nach Alternativen suchen. Steinmeier warnte, dass kurzfristig keine Änderung der Importe zu erreichen sei. Aber: "Wir werden die Risiken in der EU auf mittlere Sicht verringern."

Für die Europäer kommen im Wesentlichen drei Alternativen infrage, die russisches Gas ergänzen könnten. Mehr Importe von vielen Lieferanten wie Norwegen, Algerien, Aserbaidschan und Turkmenistan. Flüssiggas aus dem Golfstaat Katar oder später aus den USA. Erdgas aus heimischen Quellen durch Aufbrechen von unterirdischen Gesteinsschichten (Fracking). All das ist nicht billig. Für Gas aus Zentralasien müssten die Pipelines erheblich ausgebaut werden. Das Flüssiggas lässt sich nur über spezielle LNG-Terminals an europäischen Häfen entladen. Holland hat einen, Deutschland hat keinen, Polen und Litauen bauen welche. Das sind die Perspektiven. Europäische Politiker, auch Steinmeier und Energiekommissar Günther Oettinger, sprechen von einer "Energieunion". Es geht darum, die Infrastruktur auszubauen, eine Vernetzung für den Notfall zu schaffen sowie die Energieeffizienz zu erhöhen. Ende des Monats will die EU das in einen Beschluss gießen. Allein gemeinsame Einkäufe, wie Polen sie zusätzlich fordert, sind noch umstritten.

Als die russische Armee im März an der ukrainischen Grenze aufmarschierte, schlugen einige Nato-Länder Alarm. Auch Polen. Nun ist die Ukraine kein Nato-Staat. "Aber was tut die Nato für den Schutz ihrer osteuropäischen Mitglieder?", fragte man sich in Warschau. Das Bündnis hatte sich bei der Gründung des Nato-Russland-Rates 1997 verpflichtet, keine Nato-Truppen dauerhaft auf dem Boden neuer Mitglieder im Osten zu stationieren. Die Polen ärgern sich über diese "Sicherheit zweiter Klasse". Präsident Barack Obama versprach bei seinem Besuch in Warschau vergangene Woche, die amerikanische Militärpräsenz in Osteuropa zu verstärken und dafür eine Milliarde Dollar beim Kongress zu beantragen. Russland protestiert. Moskau hat zwar selbst gegen die Abmachungen verstoßen, indem es Soldaten an seine Westgrenzen schickte. Doch Nato-Truppen möchte Russland nicht nahe seinen Grenzen sehen. Auch in der Nato selbst sind diese Stationierungen umstritten. Noch steht das Bündnis ganz am Anfang des Umdenkens. Dass die Sicherheit Europas nicht am Hindukusch bedroht wird, sondern womöglich durch russische Truppen ganz in der Nähe, das sind neue Gedanken. Der stellvertretende Nato-Generalsekretär Alexander Vershbow sagte jüngst, Russland sei jetzt "mehr Gegner als Partner". Auf dem Nato-Gipfel im September in Südwales wird sich entscheiden müssen, ob solche Urteile konsensfähig sind. Und wie sie sich irgendwann in einer neuen Nato-Doktrin niederschlagen könnten.