Die bislang schärfste Waffe der USA und Europas im Ukraine-Konflikt ist ein denkbar leises Instrument. Es wirkt im Hintergrund, wird über Computer gesteuert und trifft nicht nur Menschen, sondern auch Unternehmen und sogar ganze Staaten: finanzielle Sanktionen. Wer kein Geld mehr über das Bankensystem überweisen, wer im Ausland nicht mit Kreditkarten zahlen und kein Bankkonto mehr unterhalten kann, ist wirtschaftlich von der Außenwelt abgeschnitten. Wer keinen Zugriff mehr auf den Dollar als wichtigste Handelswährung hat, ist geschäftlich erledigt.

Im Konflikt um die Ukraine waren solche Sanktionen der erste Hebel, mit dem die Amerikaner und Europäer Druck ausübten. Eine ganze Liste von Einzelpersonen und russischen Banken wird seitdem von der globalen Finanzwelt boykottiert. Weitere Finanzsanktionen wurden angedroht.

Finanzsanktionen sind mittlerweile ein Kernstück amerikanischer Außenpolitik. Nie zuvor haben die Vereinigten Staaten so stark auf dieses Instrument gesetzt wie heute. Auf einer Art schwarzen Liste haben sie seit 2001 knapp 13 000 Namen gesammelt: Terroristen, Drogenhändler und zahlreiche Unternehmen, die als Handlanger von Staaten oder kriminellen Organisationen agieren. Sie alle sollen vom globalen Finanzmarkt abgenabelt und damit geschwächt werden.

Kein Staat kann solche Sanktionen so gut durchdrücken wie die USA, denn der Dollar ist die wichtigste Währung der Welt. Jede grenzüberschreitende Überweisung eines Dollar-Betrags wird über die amerikanische Notenbank gebucht, selbst wenn etliche andere Banken in der Zahlungskette eingeschaltet sind und täglich Millionen dieser Transaktionen vorgenommen werden. Hier liegt der Hebel, mit dem die Amerikaner einer Person, einem Unternehmen oder einem Land lückenlos den Zugang zum Dollar sperren können. Allein die Furcht davor kann Gegner gefügig machen. Der Hebel funktioniert allerdings nur, wenn sich neben amerikanischen Finanzunternehmen auch Banken, Finanzdienstleister und Kreditkartenorganisationen anderer Länder an den Boykott halten. Wenn sie alle dabei helfen, das Netz der Finanzwelt um boykottierte Länder, Unternehmen oder Personen fester und fester zu ziehen – bis sich der Feind darin verfängt.

Weil die Finanzsanktionen für die USA immer wichtiger geworden sind, werden Unternehmen, die sich nicht an die Sanktionen halten, immer härter bestraft. Selbst dann, wenn die Unternehmen in ihrer Heimat gar nicht gegen Sanktionen verstoßen, sondern nur nach amerikanischem Recht illegal handeln.

"Die Amerikaner haben erkannt, wie abhängig die global vernetzte Finanzwelt von ihrer Währung und ihrem Markt ist und wie leicht sie Geldinstitute deshalb zwingen können, ihre Sanktionen zu befolgen", sagt der Anwalt einer großen Kanzlei, die Londoner Banken zu Sanktionen berät. Aus einer europäischen Bank, die wegen ihrer Geschäfte mit sanktionierten Ländern schon einmal mit der amerikanischen Justiz zu tun bekam, heißt es: "Es geht gar nicht darum, ob die Verstöße auch nach dem EU-Recht geahndet werden könnten. Für uns als Bank ist das eine rein wirtschaftliche Abwägung. Wer seinem Geschäft nicht schaden will, seine Reputation nicht aufs Spiel setzen will und keine Kunden verlieren will, muss einlenken."

Die Finanzwelt hat begriffen, dass die Amerikaner auf eine aggressivere Politik umgeschwenkt sind. "Vor zehn Jahren wurde das Thema Sanktionen bei uns im Vorstand überhaupt nicht ernst genommen", erinnert sich ein Bankberater in der Londoner City, der früher bei der britischen Großbank Barclays gearbeitet hat. Aber seit 2005 knöpfen sich die amerikanischen Behörden eine europäische Bank nach der anderen vor: HSBC, Lloyds Bank, Barclays, Standard Chartered, die Royal Bank of Scotland, Credit Suisse, ABN Amro und ING mussten jeweils Hunderte Millionen Dollar Bußgelder zahlen. Weil sie versteckte Überweisungen für sanktionierte Länder wie den Iran, den Sudan, Burma oder Kuba hatten durchgehen lassen. Die Bußgelder sind mittlerweile derart in die Höhe geschossen, dass die europäische Bankenaufsicht kürzlich mitteilte, die Bußgelder müssten bei künftigen Stresstests berücksichtigt werden.

Besonders hart sind die Strafen, wenn Zahlungen bewusst verschleiert werden und die Bank bei der Aufklärung nicht ausreichend mithilft – die USA pochen auf Zusammenarbeit und Transparenz. Wie ungemütlich sie werden, wenn jemand nicht mit offenen Karten spielt, hat das deutsche Unternehmen Clearstream zu spüren bekommen. Clearstream ist ein Unternehmen der Deutschen Börse, das Wertpapiergeschäfte abwickelt und für sein Dollar-Geschäft Konten bei der amerikanischen Citigroup in New York unterhält.

In den Jahren 2007 bis 2008 hatte Clearstream auf einem seiner Sammelkonten in New York rund 2,8 Milliarden Dollar für die iranische Zentralbank geparkt, in Form von Wertpapieren. Die Citigroup und die amerikanischen Aufsichtsbehörden wussten davon nichts, denn Clearstream hielt die Gelder in Unterkonten versteckt – auch dann noch, als amerikanische Behörden bereits gefordert hatten, die Geschäftsbeziehungen zum Iran abzubrechen. So beschreibt es die amerikanische Exportkontrollbehörde Ofac, die für die Überwachung der Finanzsanktionen zuständig ist.

Am Ende wurde Clearstream ein Bußgeld von mehr als 5,6 Milliarden Dollar angedroht. "Dieser Fall zeigt eindeutig die Risiken, die Zwischenhändler und andere Unternehmen im internationalen Wertpapiergeschäft mit Sanktionen eingehen", warnte Ofac. Im Klartext heißt das: Nicht nur Banken, sondern alle Dienstleister, die irgendwie mit der Finanzwelt zu tun haben, sollen die amerikanischen Sanktionen gefälligst einhalten. Wie alle Banken lenkte auch Clearstream ein und musste Anfang dieses Jahres nach einem Vergleich "nur" noch 152 Millionen Dollar Bußgeld zahlen. Mittlerweile läuft allerdings schon die nächste Ermittlung gegen Clearstream. Wehren kann sich das Unternehmen gegen die Strafen nicht. "Die hätten als europäisches Unternehmen nie eine Chance gehabt, vor amerikanischen Gerichten gegen amerikanische Aufsichtsbehörden zu gewinnen – egal wie gut ihre juristische Position gewesen sein mag", meint ein Londoner Anwalt.