Deutsche Manager beugen sich der amerikanischen Justiz. Tun sie es nicht, sehen sie Sterne, gehen zu Boden und akzeptieren am Ende irre Strafen, Bußgelder und Vergleichssummen: Daimler zahlte rund 130 Millionen Euro, Siemens 600 Millionen Euro, die Deutsche Bank kürzlich sogar 1,4 Milliarden Euro. Und auch wenn die Deutschen ihrer Deutschen Bank so ziemlich alles zutrauen: So eine Strafe nährt das ohnehin große Misstrauen gegen Amerika.

Ab wann wird ein Bußgeld zur Geste einer Unterwerfung? Ab einer Milliarde? Ab zehn Milliarden? So viel soll die französische Bank BNP Paribas zahlen, weil sie im Iran gegen US-Recht verstoßen haben soll. Das Strafmaß übertrifft alles bisher Dagewesene. Nicht mal den D-Day mochte die französische Regierung unbeschwert feiern, jenen Tag, an dem die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg als Befreier kamen. Stattdessen schlägt den USA in ganz Europa der Vorwurf entgegen, sie spielten nicht nur Weltpolizei, sondern auch Weltgericht. Amerikanische Juristen seien moderne Soldaten im Auftrag ihrer Regierung, ihre Soft Power sei eine Zumutung. Viel fehle nicht mehr bis zur Kapitulation des europäischen Rechtsstaats, eigentlich bloß die Unterschrift unter das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Amerika.

Betrachtet man die Sache einmal andersherum, bekommt die Empörung etwas sehr Selbstgerechtes. Allein die 50 größten deutschen Unternehmen haben in den USA im vergangenen Jahr 260 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Warum sollen sie sich da nicht an amerikanische Gesetze halten müssen? Umgekehrt verlangen die Deutschen gerade dasselbe vom Internetkonzern Google.

Dazu kommen die Jobs, die das Amerikageschäft hierzulande sichert, die Dividenden, die es bringt, kurz, es geht um viel Wohlstand. Statt zu klagen, sollten die Deutschen also durchatmen – und nach Kosten und Nutzen fragen.

Auch im deutschen Recht ist das amerikanische allgegenwärtig, aber das hat mit Imperialismus wenig zu tun. Möchte die Bundesregierung die Wirtschaft zähmen, schaut sie aus freien Stücken oft nach Amerika. Nirgendwo lässt sich das so gut erkennen wie beim Kartellrecht, das ein Symbol für die Entwicklung des ganzen Wirtschaftsrechts ist. Unternehmer und ihre Verbände hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg vehement gegen ein Kartellgesetz gewehrt, es war eine der ersten großen Lobbyisten-Schlachten der Bundesrepublik. Führende Mitglieder im Bundesverband der Industrie wollten nicht gestört werden, wenn sie Märkte untereinander aufteilten und die Verbraucher höhere Preise zahlen ließen. Doch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verband sein politisches Schicksal mit diesem Gesetz und bekam 1957 endlich eine Mehrheit dafür.

Wenn also heute das Bundeskartellamt einschreitet, wenn es Zement-, Schienen- und Stahl-Kartelle zerschlägt und Konzerne bestraft, die ihre Marktmacht missbrauchen, dann ist das Ludwig Erhard zu verdanken. Nur schöpfte er das Kartellgesetz nicht aus sich selbst, er bediente sich amerikanischer Traditionen und Gesetze.

Seit damals überquert eine Idee nach der anderen den Atlantik, und besonderen Einfluss gewinnen diese Ideen, sobald es gilt, Manager zu anständigem Verhalten zu zwingen. Das Verbot des Insiderhandels? Von Amerika inspiriert. Vorstände dürfen nicht mehr ihren Schnitt an der Börse machen, bevor sie die Öffentlichkeit über sinkende Gewinne oder eine geplante Übernahme informieren.

Dass die Öffentlichkeit weiß, was Vorstände verdienen? Hat sich zuerst in den USA bewährt. Wann Manager ihre Pflichten verletzen? Legt das deutsche Aktiengesetz nach amerikanischem Vorbild fest.

"Oft war das amerikanische Recht moderner, wurde die dortige Justiz früher mit Problemen konfrontiert", erläutert Stephan Göthel, Partner in der Kanzlei Taylor Wessing und Experte für Übernahmen von Unternehmen.